Zumutung!

Ein Jahresrückblick
Gedanken zur Woche

Gemeinfrei via unsplash.com (Anna Goncharova)

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Die Gedanken zur Woche am 29.12.

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Was den Wert der Religionen für das Wohl der Welt betrifft, so lässt mich das vergangene Jahr beschämt zurück.

 

Dabei habe ich Religion auch schon ganz anders erlebt. Als Jugendlicher in der DDR waren die Kirchen für mich Orte, an denen man frei und offen reden konnte. Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Albert Schweitzer, das waren meine Idole. Noch immer hängt ein Foto in meinem Zimmer, auf dem buddhistische Mönche gegen die Militärdiktatur in Myanmar auf die Straße gehen, um für einen friedlichen Wandel zu demonstrieren. Ich war in Krakau, als die Militärdiktatur alles gesellschaftliche Leben lahmzulegen versuchte und traf auf Katholiken, die mit ihrer Kirche mutig für mehr Demokratie kämpften. Es war die amerikanische Bewegung gegen den Vietnamkrieg, die den Grundstein für meinen Pazifismus legte.

 

In all diesen Ländern sehe ich derzeit Gegenbewegungen zu diesem Geist der Freiheit, und ich beobachte, dass die Religion dabei eine fatale Rolle spielt. Im letzten Jahrhundert hatten Ideologien die Religionen verdrängt. Sowohl der Faschismus wie auch Stalinismus und Maoismus verfolgten eine religionsfeindliche Politik. Das bekam den Religionsgemeinschaften nicht schlecht. Angefeindet gelang es ihnen, zu ihrem Kern zurückzufinden: Nahe bei den Menschen, kritisch gegenüber aller weltlichen Herrschaft.

 

Heute, wo mit Ideologien keine Herrschaft mehr zu legitimieren ist, bieten sich Religionen an, das Vakuum zu füllen: Es sind buddhistische Mönche, die gegen die Rohingya hetzen, es sind Priester, die in Polen gegen die europäische Flüchtlingspolitik und eine unabhängige Justiz predigen, und in Amerika bejubeln evangelikale Christen, die Politik Trumps gegen Minderheiten und Fremde. Fremdenangst und Rassismus; Ich zuerst! Mein Land zuerst! – das schreckt mich ab und ist mir doch nicht fremd.

 

Ich bin in den fünfziger Jahren großgeworden, die braune Ideologie hatte abgewirtschaftet, aber die herablassenden Sprüche gegen „die anderen, die da draußen“ waren noch in den Köpfen und wirken bis heute. Christentum war für mich immer der entschiedene Einspruch gegen solche Ängste, gegen die Anmaßung eines: Ich zuerst!

„Was ist es Besonderes, für seinen Bruder da zu sein?“, fragt Jesus. Nicht die Solidarität mit dem Nächsten zeichnet die Nachfolge Jesu aus, sondern die Solidarität mit dem Fernsten. Das ist eine Zumutung.

 

Warum war davon so wenig zu hören im vergangenen Jahr? Es gab viel Empörung in den Medien: Gegen den Verrat von Aung San Suu Kyi an der Menschlichkeit, gegen polnische und ungarische Alleingänge, gegen Trump, gegen die AfD. Politische Korrektheit gab es eine Menge, mir wurde nur zu wenig deutlich, dass Christsein, dass Menschlichkeit eine Zumutung ist. Und die heißt, nicht dem inneren Impuls zu folgen: Ich zuerst! Mein Land zuerst! Je mehr der Egoismus zur Ideologie wird, desto notwendiger ist es, dass Religionen widersprechen und zu ihrem Kern zurückfinden.

 

Zum Glück gab es ja auch diese ermutigenden Beispiele, wenn ich so zurückschaue. Dabei denke ich an Menschen in meiner Gemeinde, die ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlinge geben oder an die Reisen des Papstes in verschiedene Flüchtlingslager, ich denke an Hilfsorganisationen, die selbst dort helfen, wo es lebensgefährlich ist.

 

Was bedeutet Ihnen Ihr Glaube, Ihre Weltanschauung, sind sie einfach nur Bestätigung oder auch Einspruch und Korrektiv? Wenn Sie mit mir reden wollen, dann können Sie mich anrufen. Bis acht Uhr erreichen Sie mich unter der Telefonnummer 030 325 321 344. Oder diskutieren Sie mit auf Facebook unter: „deutschlandradio.evangelisch“.