Heimat

Ev. Rundfunkgottesdienst aus der Marktkirche St. Cosmas und Damian in Goslar
Über die Sendung

Heimat – Hort der Kindheit, Ort der Geschichte oder Ziel im Glauben? Um diese Fragen geht es im evangelischen Rundfunkgottesdienst am 1. Advent aus der Marktkirche St. Cosmas und Damian in Goslar. Ein Vers des Propheten Jeremia ist Grundlage für die Predigt von Propst Thomas Gunkel. „Und sie sollen in ihrem Lande wohnen“ (Jer 23,8). Das Land des Propheten ist zerstört, er ist mit anderen verschleppt worden und fern der Heimat. Zur Verheißung des Propheten auf Heimat und der Sehnsucht des Advents ist im Gottesdienst die Sprechmotette „Advent. Heimat“ zu hören mit Stimmen aus der Kantorei Goslar. Die Kantorei und der Posaunenchor der Marktkirche Goslar sorgen für die musikalische Gestaltung. Beide Chöre leitet Gerald de Vries. Er spielt auch die Orgel.

 

Zur Marktkirche St. Cosmas und Damian in Goslar gibt es ein Videoporträt aus der Staffel „Gottes Häuser von oben“. Autoren sind die hannoverschen Filmemacher Lilian Breuch und Jürgen Gutowski. Der Film kann ab dem 27. November auf Radiokirche.de angesehen werden. Die Goslarer Marktkirche liegt im Zentrum der alten Kaiserstadt. Trutzig steht das romanische Westwerk da, heller Bruchstein, obenauf die Zwillingstürme, dahinter die fünfschiffige Basilika. Im 16. Jahrhundert gilt die Marktkirche als Sehnsuchtsort. Viele, die wegen ihres evangelischen Glaubens fliehen müssen, finden hier Zuflucht – und eine neue Heimat.

 

Gottesdienst nachhören

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen

Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit euch allen. Amen

 

Eine sinnliche Zeit: Lichter, der Duft von selbstgebackenen Keksen und Plätzchen, Weihnachtsmärkte, gebrannte Mandeln, Glühwein oder Punsch. Advent.

Ich denke über Geschenke nach: Wem kann ich wie eine Freude machen?

Ich freue mich daran, wenn mir eine gute Idee in den Sinn kommt, was ich schenken kann oder wenn ich etwas Schönes finde.

Advent ist Vorfreude.

Advent ist auch ein Nach-Hause-Kommen.

Anfangs sind wir viel unterwegs, mehr vielleicht als sonst.

Es müssen Besorgungen gemacht, Vorbereitungen getroffen werden.

Vieles davon zielt aber schon darauf, dass wir uns schließlich in unsere Häuser und Wohnungen zurückziehen werden.

Privatheit – der Alltag ruht, ist gleichsam zum Stehen gekommen.

Jetzt ist Geschäftigkeit.

Dann Ankommen, Innehalten.

In der Adventszeit ändert sich die Musik im Radio – ein bisschen zumindest.

Unter die aktuellen Hits – und das Beste der 80er und 90er – mischen sich Weihnachts-Popsongs, meist englischsprachig: „Jingle Bells“ oder „Last Christmas“.

Eines dieser Lieder heißt: „Driving Home For Christmas“. Ich fahre nach Hause, um Weihnachten zu feiern.

Hier gipfelt der Advent buchstäblich im Nach-Hause-Kommen.

So wird es sein.

Auch unsere Kinder werden kommen.

Selbst, wer schon erwachsen ist, kehrt zumeist zurück in den Schoß der Familie.

Es sei denn, die Kinder haben eine eigene Familie gegründet, wo nun gefeiert wird.

Das mag ein Hinweis darauf sein, dass es nicht so sehr die Räume sind, die Zuhause-Gefühl ausmachen, sondern die Menschen, die uns am Herzen liegen.

Freilich: Wo die Erwartungen groß sind, kann es auch die Enttäuschung sein.

Was ist, wenn sich die Geborgenheit und die Wärme nicht einstellen, auf die wir hoffen?

Was ist, wenn die familiären Bande brüchig sind und der Streit gerade an den Festtagen aufflammt?

Was ist, wenn da einfach keine Familie mehr vorhanden ist?

Wie viele spüren das in diesen Tagen besonders: die Einsamen, die Kranken, die Gescheiterten, die unglücklich Verliebten.

Was dann tun? – Den Fernseher einschalten?

Und dann zeigen Sie eine Komödie, in der es um eine Familie geht, die Weihnachten feiert.

Die Sehnsucht, die Advent und Weihnachten in uns auslösen, kann sich gegen uns wenden.

Wir spüren, dass die Welt nicht so ist, wie wir sie erhoffen.

Häufig geht der Blick zurück.

Advent ist ja auch Kindheit.

Wann war die Vorfreude je wieder so groß wie damals?

Wunschzettel schreiben.

Am Abend vor dem Nikolaustag wurde er in den frischgeputzten Schuh gesteckt.

Am nächsten Morgen war Schokolade darin und der Wunschzettel weg, mitgenommen zweifelsohne, damit in einer Sphäre jenseits dieser Welt an der Wunscherfüllung gearbeitet wurde.

Nein, es ging nicht um Sachen, es ging um Glück.

Niemand behauptete, dass es bei dem Wunsch nach einem Teddy oder einer Puppe nur um ein Ding zum Spielen gegangen sei – es ging natürlich um eine Freundin, um einen Freund, einen Vertrauten, der alles mitbekam und verstand.

Oder das Plätzchenbacken, bis der Teig überall in der Küche klebte.

Wenn sie anbrannten, die Kekse – egal.

Es ging ja nicht um die Kekse.

Dass man sie gemeinsam backen konnte, machte die Welt vertrauenswürdig, sicher, freudvoll.

All das war … – und ich spüre, wie gut es tut, das sagen zu können – … Zuhause, Geborgenheit, Heimat.

Darauf schaue ich zurück!

Ich bin längst kein Kind mehr.

Kindheit ging verloren!

Sie kommt nicht wieder.

Mit der Heimat ist das genauso.

Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft machte in der 60er Jahren dazu einen Sketch, über den nicht alle lachen konnten.

Die Erinnerung an Krieg und Vertreibungen nach dem 2. Weltkrieg war noch frisch;

Der eiserne Vorhang verhinderte, dass man auch nur besuchsweise dorthin zurückkehren konnte.

Es trat jemand auf die Bühne, der einen Bauchladen vor sich hertrug.

„Heimaterde – Heimaterde – 50 Pfennig“ rief er.

Kunden kamen.

Heimaterde aus Schlesien, aus Ostpreußen, Pommern.

Kleine Tüten zu je 50 Pfennig gingen weg.

Dann ein neuer Kunde:

„Haben Sie auch etwas aus der Gegend um Hannover?“

„Wieso Hannover?“ antwortete der Verkäufer.

„Na, weil ich da geboren bin.“

„Aber das ist doch keine Heimat! Da können sie doch noch hin!“

Ich glaube, es steckt ein tiefes Stück Wahrheit darin, dass Heimat verlorengeht.

Für die Vertriebenen von damals.

Für so viele, die auf der Flucht sind heute.

Für uns alle, behaupte ich.

Weil Heimat mit Kindheit verbunden ist, die wir nicht festhalten können.

 

Sie lässt sich nicht festhalten.

Die Israeliten mussten das auch erleben.

Vor ganz langer Zeit, so um das Jahr 580 vor Christus.

Sie wurden nach Babylon verschleppt, die Metropole am Euphrat.

Ähnlich wie später Rom war Babylon die Machtzentrale eines Stadtstaates mit weitreichendem Einfluss.

Die umliegenden Städte und Völker mussten sich unterwerfen.

So auch Juda, der verbliebene Teil des alten Israels.

Die Babylonier wussten zu herrschen.

Sie führten die Elite aus dem eroberten Juda von ihrer Heimat weg und siedelten sie in Babylon an.

Dort ging es ihnen äußerlich nicht schlecht.

Sie konnten sogar Häuser bauen, dort in der Fremde.

Die Babylonier waren klug.

Sie wussten, dass Integration ein gutes Mittel ist, um Widerstände gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Viele der Israeliten richteten sich im babylonischen Exil ein.

Plötzlich ein Wort aus der Heimat.

Der Prophet Jeremia – er war nicht verschleppt worden wie die anderen.

Er sagt den im Exil sitzenden Landsleuten:

Es wird nicht immer so bleiben.

Ihr werdet zurückkehren in eure Heimat.

 

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.

 

Mit einem Mal flammte Hoffnung auf.

Alles würde wieder so werden wie damals, vor Jahrhunderten, unter König David.

Das zerstörte Land wieder aufbauen!

Vor allem den Tempel in Jerusalem.

Wohlstand.

Gerechtigkeit.

Kein Abhängigkeit von einem fremden Land mehr.

Sich nicht ihren Vorstellungen, Werten, ihrer Religion beugen müssen....

Es kam anders. Als die Israeliten wieder in ihrer alten Heimat eintrafen, erfüllten sich die Hoffnungen auf eine neue Blütezeit in Israel nicht.

Kein strahlender König in Sicht, der dauerhaft für Recht und Gerechtigkeit sorgte, kein neuer König David.

Heute sagen die Historiker, dass die biblische Beschreibung der Zeit Davids, in der angeblich so vieles gut war, ohnehin nicht der Realität entsprach – eine nachträgliche Schönfärbung.

So ist das, wenn man die Hoffnungsbilder für die Zukunft der Vergangenheit entlehnen muss.

Dann wird die Vergangenheit schön gefärbt.

Kann aus dem Zurück-Schauen überhaupt Hoffnung für die Zukunft entstehen?

Ja, Advent hat auch etwas mit Zurückschauen zu tun, mit Erinnerungen an früher. Die Kindheit. Und natürlich gehört auch Vorfreude dazu, auf das, was da kommt. Advent ist Lateinisch, bedeutet Ankunft.

Jesus Christus, der Messias, kommt in die Welt.

Ja, in ihm kommt Gott selbst.

Wenn aber der Messias kommt, so sagt die alte Hoffnung, soll alles Dunkle, Toddurchdrungene überwunden werden.

Etwas Neues kommt, eine neue Welt: Das Reich Gottes.

Davon hat Jesus immer wieder gesprochen, vom nahe herbeigekommenen Gottesreich.

Schaut man sich die Bilder an, die Jesus dafür benutzt, so kommen die eigentlich nie aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft, die noch aussteht.

Er verheißt uns keine Rückkehr.

Nicht in eine Heimat, die es einmal gab.

Nicht in die Kindheit, die uns – wenn’s gut ging – einmal in dieser Welt beheimatet hat und uns geborgen sein ließ.

Nicht ins Paradies, das einst Adam und Eva verlassen mussten.

Denn so ergeht es uns nun mal: Wir sind Vertriebene, aus der Kindheit, aus der Geborgenheit, die wir einmal hatten.

Zurückkehren ins Alte – das mag unsere Sehnsucht sein.

Aber Jesus verheißt uns etwas anderes: das Reich Gottes, eine neue, noch kommende Welt.

So sehr wir auch an dem hängen, was war: den Blick zurückwenden, das ist es nicht.

Das genügt nicht.

Schaue nach vorn!

Denn die Heimat, in der alle Menschen sicher wohnen und bleiben können, muss erst noch gefunden werden.

Das wirkliche Zuhause steht noch aus.

Das ist eine harte Botschaft, da wir doch so gern zurückschauen.

Gerade im Advent.

Advent verspricht nicht die Wiederkehr des Alten, sondern den Beginn des Neuen.

Vielleicht gibt es nur eines, was uns aus der Kindheit wirklich bleibt und bleiben soll: Nämlich die Sehnsucht;

Sehnsucht nach Geborgenheit und Zuhause-sein und nach einem Ort, der unwandelbar für immer bleibt.

Und vielleicht ist es dann gerade diese Sehnsucht, die uns über das Zurückschauen auf‘s Damals hinausträgt.

Jesus spricht von dem Reich Gottes, der künftigen Heimat, ja oft so, dass sie in uns Gestalt gewinnt.

Es fängt an als ein Sehnen:

nach Licht, wo Dunkelheit ist,

nach Aufmerksamkeit, wo Gleichgültigkeit herrscht,

nach Wärme, wo Menschen innerlich und äußerlich frieren,

nach Aussöhnung und Frieden, wo Zwist und Hass regieren.

Und alles, was aus diesem Sehnen erwächst,

was befördert, worauf wir hoffen, ist der Vorschein des Kommenden: das Reich Gottes.

Im Advent will Gott, dass wir dem einen Schritt entgegen gehen.

Eine Welt, in der alle sicher wohnen können, das ist die Welt, die Gott meint.

Erst, wenn niemand mehr weint, während die anderen feiern, dann ist wirklich Weihnachten.

Amen

 

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

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