Darüberhinaus

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Wer mag das bloß sein? Ich stehe vor dem prächtigen Altarbild in der neuen Leipziger Universitätskirche und kann die Gestalt in der Mitte unten nicht zuordnen: den Mann in blauem Gewand, der auf einem Pferd daherkommt. Er hat den Kopf so weit in den Nacken gelegt, wie es kaum menschenmöglich ist. Mit weiten Augen schaut er direkt über sich in den Himmel. Aber vielleicht sind diese Augen auch schon geblendet. Als ob gleißendes Licht in sie hineinfiele. Jedenfalls: So kann man nicht reiten. Der Mann wird vom Pferd fallen. Und jetzt dämmert es mir: Dieser Mann, der da über alles Sichtbare hinausschaut, soll der Apostel Paulus sein in dem Augenblick, als ihm der auferstandene Christus begegnet.

 

Das Bild erinnert an ein Ereignis, von dem Paulus selbst nur in Andeutungen sprechen wird. Nur in der Apostelgeschichte des Lukas wird davon erzählt. Paulus, den man kennt als erklärten Gegner der Jesusbewegung, ist auf dem Weg nach Damaskus. Unterwegs trifft es ihn wie ein Blitz: Der auferstandene Christus begegnet ihm. Und das ist wie direkt in die Sonne zu schauen. Denn er stürzt vom Pferd, kann nichts mehr sehen und nichts mehr sagen. Nur langsam findet er wieder in seinen Körper zurück und ist nun einer, der nirgends mehr hingehört. Die Christen trauen ihm noch nicht so recht. Für seine jüdischen Freunde ist er verrückt geworden.

 

Die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben die Begegnung mit dem Auferstandenen selbst wie eine Auferstehung erlebt, wie neues, befreites Leben. Aber für Paulus ist diese Begegnung zuerst, als müsse er daran sterben. Was er war und was er wollte – das ist alles ausgelöscht. Es kommt auch nicht wieder in der Zeit, die er dann in der Einsamkeit verbringt. Als er schließlich aufbricht, um dem Christus eine Gemeinde zu sammeln, wird er sagen: „Ich lebe aber, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20)

 

In seinen Briefen wird er in immer neuen Anläufen erklären, was das für ihn heißt. Und in immer neuen Anläufen haben Christen versucht, ihn zu verstehen. Aber auch die Nicht-Christen staunen bis heute über die Kraft, mit der er über alle Grenzen hinweg gedacht und gewirkt hat, nachdem ihm die Grenze seines eigenen Ichs nichts mehr galt. „Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Griechen und Juden, zwischen Sklaven und Freien, zwischen Mann und Frau...“ (Galater 3,28) schreibt er. Alle werden eins durch Christus. Alle gehören dazu. Global, universal – so dachte Paulus schon vor 2000 Jahren.

 

Keiner kann wissen, was er erlebt hat damals auf dem Weg nach Damaskus, als er vom hohen Ross der Selbstgewissheit stürzte. Aber es muss wohl so gewesen sein, dass er herausgeschleudert wurde aus den Grenzen der menschlichen Wahrnehmung, dass er in eine Dimension geriet, in der er wusste: Alles Verschiedene ist doch Eins. Das ist die wirkliche Wahrheit – und all das, was uns hier auf Erden unumstößlich scheint, das ist nur vorläufig, ist nur unserer Begrenztheit geschuldet. Wenn dieses Andere, dieses Darüberhinaus die Wahrheit ist – wie kann ich mich dann noch so wichtig nehmen?

 

Dabei erlebte sich Paulus gar nicht als besonders erleuchtet. Seine eigene Begrenztheit war ihm bei all seinen Bemühungen sehr bewusst. Nur ein einziges Mal hatte er direkt in das Christuslicht geschaut. Aber das hat seinen Blick für immer verändert. Unermüdlich warb er für die Freiheit, die Menschen haben könnten, wenn sie nur nicht so sehr an sich selbst festkleben wollten.

 

Aber wenn ich selbst doch nie in den Himmel entrückt wurde, was soll‘s mir dann? So ließe sich fragen. Was zeugt mir denn vom Leben als meine eigene Geschichte, mein Werdegang, meine Erinnerungen, meine Selfies? Eine Ahnung von meiner eigenen Begrenztheit könnte ich bei alledem aber doch haben. Eine Ahnung von der Freiheit, die sich auftäte, wenn ich mich selbst nicht so absolut wichtig nähme. Wenn ich daran glaubte: Es gibt ein Darüberhinaus.

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