Das Prinzip Würde

Vor 50 Jahren setzte Johnny Cash im Folsom Prison ein Signal
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Heute vor 50 Jahren tat der Countrysänger Johnny Cash etwas, das damals geradezu skandalös war. Er trat in einem Gefängnis auf, dem Folsom State Prison in Kalifornien. Das Konzert fand in einem langen, engen und niedrigen Raum ohne Fenster statt. Nackte Neonröhren hingen von der Decke und gaben ein kaltes Licht ab. Doch unter ihnen ging es heiß her. Da saßen lauter Männer. Böse Jungs, die die Gesellschaft weggesperrt hatte und an die niemand gerne dachte. Entsprechend ausgehungert waren sie nach Zuwendung. Als Johnny Cash am 13. Januar 1968 zu ihnen kam und genau dies mitbrachte, da waren die Männer außer sich, eine Stimmung zum Bersten.

 

Johnny Cash war der erste Popsänger, der in ein Gefängnis ging, um ein Konzert zu geben. Es wurde zu einem Meilenstein der neueren Musikgeschichte. Denn es passte zur Aufbruchstimmung dieser Jahre, die 68er Bewegung formierte sich. Sie wollte nicht mehr die gesellschaftlichen Ordnungen in den Mittelpunkt des Lebens stellen, sondern den einzelnen Menschen, selbst wenn er gescheitert war und im Gefängnis saß. Ob Johnny Cash deshalb dorthin ging? Politisch war er eigentlich eher konservativ. Aber persönlich lebte er das Image des Gesetzlosen, hatte Drogen genommen und Tabletten geschmuggelt, deshalb selbst sogar ein paar Tage im Gefängnis gesessen. Er stammte aus einer armen Kleinfarmerfamilie und hatte sich lange mit Jobs am Fließband durchgeschlagen. Er kannte also das Milieu, aus dem die meisten Männer stammten, die in den USA im Gefängnis landen.

 

Was immer ihn zu diesem Konzert antrieb, er lebte damit einen urbiblischen Impuls: nämlich die in den Blick zu nehmen, die am Rande stehen, die ansonsten übersehen werden, die Zuwendung und vielleicht sogar Hilfe brauchen: das Prinzip Würde. Jesus hat es so ausgedrückt:

 

„Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Denn: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

 

Diese Worte beschreiben das Prinzip Würde. Von ihm geht eine doppelte Botschaft aus. Die erste geht an alle: Im Bedürftigen kannst du Jesus Christus begegnen, behandle ihn so. Die zweite Botschaft richtet sich an die Betroffenen selbst, an die, die nicht mit Erfolgen punkten können, die vielleicht sogar gescheitert oder hilfsbedürftig sind. Ihnen sagt Jesus: Ihr habt dennoch eure Würde und eure Aufgabe, denn ihr seid mein Gesicht.

 

Das ist eine der zentralen Einsichten des Christentums. Viele Christen versuchen sie in ihrem Alltag umzusetzen. Deshalb zählen die Kirchen Gefängnis-Seelsorge, die Betreuung Vereinsamter und die Flüchtlingshilfe zu ihren Kernaufgaben. Wer das Prinzip Würde aktiv lebt, wird reich beschenkt. Denn wenn man etwas gibt, bekommt man meist auch etwas zurück.

 

Das Prinzip Würde kann einen im Alltag allerdings auch überfordern: Manchmal ist die Not um einen herum zu groß. Deshalb kann man nicht immer allen gerecht werden. Doch das darf nicht zum Argument werden, gar nichts zu tun. Man kann tun, was möglich ist.

 

Zurück zu Johny Cash, dem Country-Sänger vor 50 Jahren. Sein Konzert mit den Insassen des Folsom State Prison war in jeder Beziehung ein Erfolg. Cash hatte es aufgezeichnet: seine Musik und die Begeisterung seiner Zuhörer. Unter dem Titel „At Folsom Prison“ kam es als Album heraus. Damit gab Johnny Cash den Menschen im Gefängnis Gesicht und Stimme. Er konnte mit dem Erlös seine Steuerschulden bezahlen. Zugleich sendete er ein Signal in die Gesellschaft: Schaut zu den Menschen, die in den dunklen Ecken leben. Auch sie sehnen sich nach Zuwendung. Auch sie haben etwas zu geben, denn in ihnen begegnet man Gott.

 

Bibelnachweis: Matthäus 25,31ff

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