Neuland für Herbert

Ein 72jähriger findet einen neuen Sinn
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Herbert ist 72 Jahre alt. Gerade geht er im Wald spazieren. Irgendwo im Taunus. Allein. Für ihn ist das ganz neu. Denn in den Jahren davor war er kaum rausgekommen. Zuhause hatte seine Frau krank im Bett gelegen. Er hatte sie gepflegt. Vor kurzem war sie schließlich gestorben. Dass dies geschehen würde, wusste Herbert lange vorher. Er konnte also nach vorne denken in die Zeit nach ihrem Tod. Manches Mal hat er sich insgeheim sogar danach gesehnt, denn die Tage rund um das Krankenbett waren oft traurig und öde. Nun war es geschehen. Er war traurig darüber. Aber er war auch frei. Für ihn ein ungewohntes Gefühl nach Jahrzehnten voller Aufgaben: Die Arbeit, die Kinder, dann das Schauen nach seinen Eltern und zuletzt eben seine Frau. Oft hatte er sich mehr Freiheit gewünscht, mehr Zeit für sich, Zeit – einfach so. Nun hatte er sie – reichlich. Doch sie fühlte sich nicht frei an, sondern leer. Die Freiheit war ihm fremd. Er musste sie erst kennenlernen. Und sich mit ihr anfreunden. Dabei entdeckte er, dass ihm diese Wanderungen gut taten. Oft streifte er nun durch seine Umgebung, den Taunus, nördlich von Wiesbaden.

 

So wie jetzt. Es ist Winter und die Bäume sind kahl. Die Luft ist frisch und klar. Gerade kommt Herbert an einen Waldrand vorbei und bleibt stehen. Vor ihm tut sich eine wunderschöne Aussicht auf: Oben der winterblaue Himmel mit ein paar weißen Wolken. Hinten die langgezogenen und winterweißen Bergrücken des Taunus. Vor ihm eine schneebedeckte Wiese. Unberührt, bis auf ein paar Spuren von Tieren. Am Ende dieser Spuren, nur ein paar Meter entfernt, stehen zwei Rehe. Die Tiere haben ihn offenbar noch nicht bemerkt, ganz ruhig und entspannt stehen sie da. Herbert ist gerührt. „Mein Gott, ist das schön!“ flüstert er vor sich hin.

Da hört er neben sich eine leise Stimme: „Ja, wunderschön.“

Herbert schaut erschrocken zur Seite und sagt: „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie gestört habe. Ich habe sie gar nicht ansprechen wollen.“

 

„Ich weiß schon, zu wem sie gesprochen haben. Ich habe es ja gehört“, antwortet der Andere. „Sie stören mich nicht. Im Gegenteil: Ich bin froh, dass sie gekommen sind und dass sie ein Auge für diesen wundervollen Moment haben. Ich dachte schon, es käme niemand mehr und niemand würde sich daran freuen. So viele wunderschöne Momente verstreichen und niemand bemerkt sie. Herrliche Sonnenuntergänge, donnernde Wellen am Meer, das freundliche Mitdenken eines Autofahrers, die helfende Hand einer aufmerksamen Passantin. Und vieles mehr, an dem sich niemand freut. Manchmal frage ich mich, wofür es das alles gibt, wenn es doch niemand merkt.“

Herbert antwortet: „Wissen Sie, früher habe ich das oft auch nicht gemerkt. Zu beschäftigt, wissen Sie: Die Arbeit, die Kinder. Die alten Eltern. Und zuletzt meine Frau …“ Der andere nickt verständnisvoll und sagt: „Das kenne ich. Wichtige Dinge. Sie sind aber nicht alles. Gut, dass sie jetzt mehr sehen. Sie haben ein offenes Auge und ein offenes Herz für das Schöne in der Welt. Gewiss, vieles ist im Argen. Ich will das gar nicht beschönigen. Zu Recht macht man sich Sorgen über allerlei. Aber die Welt braucht auch Menschen, die das andere sehen, das Schöne, das Liebevolle, das Achtsame. Sie können das. Dafür könnte ich Sie dringend brauchen. Geben sie all dem Sinn, indem sie es bemerken und sich daran freuen. Wollen sie das übernehmen – und für mich tun? Das wäre großartig.“

 

Herbert bleibt einen Augenblick stumm und schaut vor sich hin – gerührt, nachdenklich, unsicher. Dann hebt er seinen Blick wieder um etwas zu sagen. Doch da ist der andere schon verschwunden. Herbert kommt ein Vers aus den Psalmen, wieder in den Sinn, den er am frühen Morgen gelesen hatte: „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel. Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“ Einen dieser Orte hat Herbert gerade entdeckt: „Mein Gott, ist das schön!“

 

Bibelnachweis: Psalm 104,24

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