Schätze einpacken

Morgenandacht
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Der Frühstückstisch ist gedeckt. Festlicher als sonst. Denn der achtjährige Enkel ist von weither zu uns Großeltern in die Ferien gekommen. Das wird gefeiert. Mit duftenden Brötchen, Aufschnitt und Käse, weil es der Enkel eher pikant als süß zum Morgen liebt. Selbst gepresster Orangensaft steht bereit. Und im Müsli bloß keine Rosinen. Rosinen mag er nicht. Die Kerze auf dem Zinnleuchter leuchtet. Dann wird einer von uns beiden Großeltern ein kurzes Gebet sprechen. Für uns gehört das zur morgendlichen Zeremonie wie der frisch gebrühte Kaffee. Diesen Morgen bin ich an der Reihe.

 

Ich weiß nicht mehr, was ich an diesem Frühlingsmorgen betete. Aber ich hörte meinen Enkel demonstrativ mit Müslischale und Löffel klappern und spürte: ihm geht das Beten heute gegen den Strich.

 

Oma, sagte er sofort nach dem Gebet, ich kann das nicht leiden, wenn einer betet und die anderen nichts sagen. Dann müssen wir ja alle dasselbe denken. Und das ist für Gott bestimmt sehr langweilig. Und für mich auch. Amen.

 

Ich hatte verstanden. Und etwas gelernt.

 

Beim nächsten Besuch werde ich meinen Enkel fragen, ob er selbst ein Gebet sprechen will. Und wenn nicht, werde ich ihn bitten, einfach still am Tisch dabei zu sein und für die Rituale der Großeltern einen Moment Geduld aufzubringen. Wegfallen soll das Morgengebet nicht. Wie soll er sonst lernen, was den christlichen Großeltern wichtig ist, ganz egal, mit wem sie gerade am Tisch sitzen? Und wie soll er merken, dass wir ihm etwas für sein Leben mitgeben wollen, was uns lange schon durch die Höhen und Tiefen unseres Lebens trägt.

 

Vor einigen Jahren erschien ein Buch, das ich sehr schätze. Es heißt „Worauf du dich verlassen kannst“. Abgedruckt sind Briefe von prominenten Persönlichkeiten an deren Enkel. Die Prominenten waren gebeten worden, ihren Enkeln zu schreiben, was sie ihnen gern mitgeben möchten. Sozusagen als Schatzkiste für ein gelingendes Leben. Das war damals schon keine neue, aber bis heute eine bleibend grandiose Idee.

Mich jedenfalls motiviert sie zu überlegen, was ich meinen Enkeln in eine kleine Schatzkiste legen möchte. Unser tägliches Morgengebet gehört auf jeden Fall dazu.

Bei dem, was ich dazu schreiben werde, lasse ich mich von den Worten der Theologin und Dichterin Dorothee Sölle anstecken. Sie ist mir eine meiner wichtigsten theologischen Lehrerinnen.

 

Ihre Enkel ermutigt sie im angegebenen Buch einfach: „Singt, lobt und betet! Ihr müsst nicht fragen, was euch das bringt. Singen, beten und loben ist einfach schön.“ Das Schöne aber „zieht uns zu Gott, bringt uns in einen Zustand, der mit Kaufen und Verkaufen nichts zu tun hat, aber mit Staunen und Stillwerden, mit Sich-Wundern und vielleicht Summen, mit Sich-vergessen und mit Glück. Siehe da! Toll! Halleluja. Ich bin ein Teil des großen, wunderbaren Ganzen, das wir „Schöpfung“ nennen. Vergesst das nicht. …das Leben ist schön“

 

Mir fallen auch ein paar Lieder ein, die ich meinen Enkeln in die Schatzkiste legen werde: „Der Mond ist aufgegangen“ und „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Lernt sie auswendig für Zeiten, in denen euch eigene Worte nicht einfallen. Und auf jeden Fall packe ich die kleine, abgegriffene Lederbibel ihres Urgroßvaters ein. Sie riecht nach einem mutigen Leben zwischen Krieg und Frieden, Diktatur und Freiheit. Bei einigen Stellen in dieser Bibel werde ich bunte Lesezeichen einlegen: Achtung, Bergpredigt (Mt. 5-7) und Achtung: Doppelgebot der Liebe (Mt. 22,37-40). Dann packe ich noch zwei knallrote Herzen oben aufs Lederbuch, damit sich die Enkel immer an unsere Liebe erinnern. Obwohl, fast glaube ich – die brauchen sie gar nicht zur Erinnerung. Das wissen sie auch so.

Und das tägliche Morgengebet? Dazu müssen sie die Kiste vielleicht gar nicht mehr öffnen. Denn das kennen sie ja schon, vom Frühstück mit uns in den Ferien.

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