Welt anschauen, statt Weltanschauung

Mit Humboldt gegen Vorurteile
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„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Aber Gott sieht das Herz an.“ So heißt es in der Bibel im 1. Buch Samuel. Ich fürchte allerdings: Mit diesem Satz ist die Bibel etwas zu optimistisch. Denn viele Menschen haben ihr Urteil schon im Kopf, noch bevor sie richtig hingeschaut haben.

Was denken Sie zum Beispiel über Blondinen? Was halten Sie von Managern? Was von Lehrerinnen? Was halten Sie von BMW-Fahrern? Was von dunkelhäutigen jungen Männern? Was halten Sie von Pfarrerinnen? Was von Politikern?

 

Schon meine Fragen sind unangemessen. Ich ziehe sie zurück. Denn sie unterstellen, dass es zu all diesen Personengruppen eine einheitliche und allgemein gültige Beurteilung geben könnte. Es gibt sie nicht.

 

Aber sie werden konstruiert. Und hinter ihnen stehen meist große Gedankengebäude, seien es Ideologien oder Weltbilder. Sie sind praktisch, denn sie helfen uns, den komplizierten Alltag zu sortieren und zu vereinfachen. Doch solche pauschalen Urteile vernebeln auch die Realität. Wenn es schlimm kommt, dann machen sie sogar blind für den einzelnen Menschen, der einem gerade begegnet. Deshalb sind sie Gift für das soziale Zusammenleben. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen, sich dabei immer wieder selbst korrigieren.

 

Einen hilfreichen Merksatz dafür verdanke ich Alexander von Humboldt. Dieser berühmte deutsche Forscher im 19. Jahrhundert hat gesagt: „Am meisten Angst macht mir die Weltanschauung derer, die die Welt nicht angeschaut haben.“ Dieser wunderbare Merksatz ermuntert zur Neugier, zum offenen Hinschauen. Zum genauen Hinsehen. Und erst dann zu bewerten. Wenn überhaupt.

Insofern wäre es schon hilfreich, wenn die Bibel mit ihrem ersten Satz Recht hätte: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist.“ Denn vor Augen ist ein Mensch. Er läuft vielleicht gerade durch das Frankfurter Bankenviertel und trägt einen teuren Anzug mit Manschetten. Aber was wird er am Abend anziehen? Er mag im Fernsehen gerade als gewiefter und rhetorisch geschulter Politiker eine Talkshow dominieren. Aber was spielt er am Wochenende mit seinen Kindern? Er mag ein dunkelhäutiger junger Mann sein, der auf dem Bahnhofsvorplatz herumsteht. Aber vielleicht hat er in gutem Deutsch Interessantes zu erzählen. Das entdecke ich allerdings erst, wenn ich meine vorgefertigten Bewertungen hinterfrage, wenn ich hinschaue und mich persönlich für ihn öffne.

 

Ich finde: Diese Tugend steht gerade den Menschen in Deutschland gut an. Denn wir waren besonders darauf angewiesen – und wir sind es noch, dass andere uns als einzelne sehen und damit aus den allgemeinen Schubladen der Bewertung herauslassen. Je älter ich werde, desto erstaunter und froher bin ich, wie großzügig viele Menschen in anderen Ländern mich als Menschen, als Deutschen wahrgenommen haben. In den Jahren nach dem grausamen Zweiten Weltkrieg hätten sie ganz leicht mich und viele andere in die Schublade mit der Aufschrift NAZIS stecken können. Nur wenige haben es getan. Die meisten haben sich die Mühe gemacht in mir den einzelnen zu sehen.

 

Als Pfarrer habe ich das Privileg, mit ganz vielen Menschen ins Gespräch zu kommen, von prominent bis fremd, von adelig bis armselig, die ganze Bandbreite der Bevölkerung. Meine Erfahrung ist: Es lohnt sich immer den einzelnen zu sehen. Was man dabei entdeckt, ist nicht immer schön, denn es gibt unangenehme Zeitgenossen. Aber die meisten Menschen sind besser als ihr Ruf.

 

Manchmal, in Sternstunden, darf man dabei sogar einen kleinen Blick in das Herz anderer werfen. Dann bekommt man eine Ahnung von dem, was meistens nur Gott vorbehalten ist. Denn, wie die Bibel sagt: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an.“ Deshalb weiß Gott: Große Leute können ganz schön kleinlich sein. Und kleine Leute ganz großartig. Und andersherum. Aber eines haben sie alle gemeinsam. Sie sehnen sich danach, wirklich gesehen zu werden.

 

Bibelnachweis: 1.Samuel 16,7

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