Bettlerseele

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Vielleicht gleicht die Seele diesem Bettler am S-Bahnhof. Sie sitzt da, wie der krumme alte Mann im Rollstuhl, neben der Rolltreppe zum Bahnsteig. Der mit den dunklen Augen, den gelben Zähnen im ledrigen Gesicht. Der, dem ich manchmal einen Kaffee kaufe (mit viel Zucker), dem ich Geld zustecke, meistens grüße, den ich auch mal frage, wie es geht, aber doch nie, wie er heißt.

Wir haben ohnehin kaum gemeinsame Worte, er und ich. Sein Deutsch ist brüchig, spät gelernt. Es verhindert, dass sich Sätze bilden, dass ein Gespräch entsteht. Meine Wortgewandtheit ist ebenso nutzlos für uns. Es gibt auch eigentlich kein Uns. Aber wir lächeln. Manchmal schläft er auch, das Kinn auf der Brust. Manchmal steht jemand neben ihm, und sie reden in einer anderen Sprache. Dann lacht er. Manchmal greift er unvermittelt nach meiner Hand, küsst sie. Manchmal verschränkt er die Arme vor der Brust, verneigt sich. Würdevoll. Mir ist das peinlich. Ich könnte mehr für ihn tun. Könnte ich mehr für ihn tun? Ich bin meistens in Eile. Und er sitzt immer da. Seit über zwei Jahren. Aber nun nicht mehr. Seit einem Vierteljahr habe ich ihn nicht mehr gesehen.

 

Es gibt Zeiten, da gleicht meine Seele dem Bettler am Straßenrand. Sitzt da und wartet. Manchmal kaufe ich ihr einen Kaffee (mit viel Zucker), stecke ihr ein paar Münzen zu, frage auch mal, wie es geht, aber noch nie, wie sie heißt.

 

„Seele“ ist ein aus der Zeit gefallenes Wort. Ein Wortvagabund aus einer anderen Welt. In Bedeutungen gehüllt wie der Bettler in seine verrutschte Kleidung. Das Wort sucht Unterschlupf: Seele wärmt ihre Hände in der Psychotherapie, holt sich gelegentlich eine warme Mahlzeit im Gottesdienst, durchtanzt die Nächte und sitzt jeden Tag im Rollstuhl an meinem Weg zur S-Bahn. Seele sieht dabei zu, wie ich durch das Leben eile. Herz und Hirn voller Alltagsgedanken, Pläne, Sorgen und Ängste, voller Sehnsucht und diesem Lebenshunger. So haste ich – wichtig, wichtig! – an der Seele vorüber. Atemlos. Und lasse ein Lächeln fallen.

 

Seit einem Vierteljahr habe ich den Bettler an der S-Bahn nun nicht mehr gesehen. Kein morgendliches Lächeln mehr, kein Gruß. Sein Platz ist leer geblieben. Kein anderer hat seine Stelle eingenommen. Vielleicht ist er gestorben. Vielleicht sitzt er irgendwo im Warmen mit freundlichen Menschen, die ihn verstehen. Und ich? Ich verwandele ihn zu einer Metapher, zu einem Bild für die Seele. Was wäre, wenn meine Seele tatsächlich diesem Bettler am S-Bahnhof gliche?

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