Der Bettler und ein Schluck Wasser

Wort zum Tage

Ich trete aus dem Haus eines Kollegen und will gerade einen kleinen Spaziergang in der Morgensonne machen. Da nähert sich ein Mann, unrasiert und schmuddelig. Seine Kleider sehen aus, als hätten sie ziemlich lange keine Waschmaschine gesehen. Die Schuhe sind ausgetreten; an manchen Stellen lösen sich die Sohlen. Auf dem Rücken trägt er einen alten Rucksack. Ein Bettler. Er steuert direkt auf mich zu.

 

Meine Gefühle sind gemischt. Was soll ich machen? Ihm was geben? Auf die andere Straßenseite wechseln? Er aber steuert weiter direkt auf mich zu und fragt: „Sind Sie der Pastor?“ Ich antworte: „Ich bin zwar Pastor, aber ich bin hier nur zu Besuch.“ – „Aha“, sagt er. „Ist denn der Pastor zu Hause?“ Ich antworte zögernd: „Der ist gerade nicht da.“ – „Oh, schade!“, meint er.

 

Ich hoffe, dass er gleich wieder abzieht. Aber das tut er nicht. Er verwickelt mich in ein Gespräch. Dann bekommt er heraus, dass ich in Württemberg wohne. „Schöne Gegend“, meint er, „nur etwas schwierig.“ Er meint, dass die Schwaben nicht so freigebig sind. „Aber bei den Pfarrern findet man trotzdem immer wieder einen Dummen.“ In dem Augenblick erinnert er sich daran, dass ich auch zu den Pfarrern gehöre. Er lacht laut. Ohne jede Verlegenheit.

 

Schließlich sagt er: „Warm ist es hier. Ich habe Durst.“ Er schnallt sich den Rucksack ab und holt eine halb ausgetrunkene Wasserflasche heraus. Er schraubt sie auf und setzt sie an den Mund. Nach ein paar Schlucken setzt er ab, schaut mich an und fragt: „Willst du auch mal?“ Ich habe wirklich Durst und sage: „Ja, bitte!“ und strecke meine Hand nach seiner Wasserflasche aus.

 

Da schaut er mich an. „Du hast ja gar kein Glas!“, sagt er. Ich antworte: „Bin an der Flasche groß geworden.“ – „Was“, ruft er aus, „aus dieser Flasche willst du trinken?“ Ich sage: „Ja sicher. Warum denn nicht?“ Er schaut mir in die Augen. „Ich bin doch giftig!“ Ich antworte: „Nee, nee, nur her damit!“ Er gibt mir die Wasserflasche, ich nehme einen langen Schluck daraus und gebe sie ihm zurück. Seine Augen strahlen. „So“, sagt er, „nun muss ich wieder gehen.“ Ich erinnere ihn: „Wolltest du nicht auf den Pastor warten?“ – „Nee, nee“, antworte er, „den brauch ich jetzt nicht mehr.“ Er dreht sich um und geht. Er wendet sich noch einmal zu mir zurück und winkt mir vergnügt zu.

 

Er hat, so reime ich mir sein Strahlen und seinen plötzlichen Abschied zusammen, jemanden getroffen, der ihn nicht „giftig“ findet, sondern als Mitmenschen behandelt. Das reichte für diesen Augenblick. Und mir wurde klar, wie segensreich ein Schluck Wasser für den sein kann, der ihn anbietet und für den, der ihn annimmt.

 

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