Der kluge Hans

Wort zum Tage

Der Kluge Hans war ein Pferd, ein Hengst von der Rasse der Orlow-Traber. Er versetzte 1904 ganz Berlin in Aufregung. Stellte man dem Klugen Hans eine Aufgabe wie folgende: Was macht 5+3, nickte das stolze Pferd, oder klopfte mit den Hufen deutlich: genau acht mal. Der Kluge Hans konnte rechnen.

 

Wie soll denn das gehen? fragten sich damals ungläubig die Menschen und setzten, wie es wahrscheinlich heute auch sein würde, eine Expertenkommission ein. Diese kam zu einem interessanten wie gleichfalls ernüchternden Ergebnis: Der kluge Hans konnte nicht rechnen. Aber er konnte genau hinsehen. Das Pferd erkannte an den staunend Umstehenden die feinsten Veränderungen der Gesichtsausdrücke, das minimale Weiten der Augen, vielleicht ein gespanntes Nesteln der Finger am Hosenbund. Solche Sachen. Hans deutete die Körpersprache der Menschen und vor dem vermeintlich letzten Hufschlag registrierte er bei der Menge jeweils eine nur für ihn sichtbare Anspannung. Dann hörte er auf zu klopfen und hatte das richtige Ergebnis. Die Menge entspannte sich und staunte.

 

Können wir vom klugen Hans noch etwas lernen? Nicht allein das gesprochene Wort enthält die Botschaft oder verrät ein Geheimnis. Mehr verraten Mimik und Gestik, unbewusste Regungen. Das Schürzen der Lippen, ein leichtes Stirnkräuseln, das Hochziehen einer Augenbraue.

 

Kann es sein, dass wir im Unterschied zum Klugen Hans das richtige Sehen etwas verlernt haben? Überhaupt den langen Blick?

 

Die Schöpfung und die ganze Geschichte und alles was ist, beginnt mit dem Wort und dem Blick. Gott sprach, es werde Licht. Und Gott sah, dass es gut war. Als er dann den Menschen nach seinem Bilde schuf und alles anschaute, was er gemacht hatte, sah er: es war sogar sehr gut. Mit dem Ansehen beginnt alles. Mit dem Aneinander Vorbeisehen endet vieles.

 

Wir wären, um im Bild vom Klugen Hans zu bleiben, nicht zum Lösen der einfachsten Aufgabe in der Lage. Weder würden wir uns selbst, jemand anderen, noch eine Situation wirklich erkennen, übten wir uns nicht in der Geduld des Blickes. Wir wären keine richtigen Menschen mehr, verlernten wir diese Art Sehen.

 

Gott schuf uns als sein Bild. Da bleibt ein Geheimnis, mit viel Schatten und viel Licht. Das Erkennen Gottes, das Sehen seines Antlitzes im Gesicht des anderen, das einander Erkennen, verlangt den ausdauernden, zugewandten Blick; einen der auch auf dem Fremden ruht, es wirken, einwirken lässt, ihm Aufmerksamkeit schenkt. Achten wir darauf, auf dass wir klug werden – oder jedenfalls etwas klüger.

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