Ein wenig neidisch

Wort zum Tage

Es herrscht Unruhe an der Bushaltestelle am Bahnhof Zoo. Jemand schimpft laut und scharf: „Nein, ich habe kein Geld übrig! Was fällt Ihnen ein!“ Der Herr, der sich so erregt, sieht gut aus. Er wirkt seriös und gebildet. Sein Zorn richtet sich gegen einen kleinen, blassen, schmuddligen Jüngling, der ihm eine Obdachlosenzeitung verkaufen wollte. Was macht den Herrn so böse? So ganz arm kann er nicht sein. Er ist wohl wütend, dass ihn der Bettler überhaupt angesprochen hat. So etwas ist er vermutlich nicht gewöhnt. Normalerweise kennt er die Straße wohl nur vom eigenem Wagen aus.

 

Wir andern Wartenden, die wir die Sitten an Berliner Bahnhöfen besser kennen, ziehen uns in unsere Schneckenhäuser zurück. Der junge Bettler irrt weiter zwischen den Passanten herum und sucht nach einem neuen Opfer. Dabei verfolgen ihn noch immer die Zornesworte des belästigten Herrn. Eine ungemütliche Situation. Keiner will sich jetzt erbarmen. Auch ich sehe zu, dass ich immer sicheren Abstand habe.

 

Aber auf dem Gehsteig gegenüber sind jetzt zwei junge Afrikaner aufmerksam geworden. Sie gucken sich das trübe Spektakel mit blitzenden Augen an. Dann macht sich der Eine auf den Weg, stupst den Bettler freundlich an und gibt ihm die ersehnte Münze. Die beiden wechseln sogar ein paar Worte, bevor der junge Schwarze grinsend zu seinem Freund zurückkehrt und der kleine Bettler sich aus dem Staub macht. Jetzt bin ich ein wenig neidisch auf den Afrikaner. So heiter hat er den Bettler erlöst, der offenbar nicht aufgeben wollte. Warum konnte ich nicht so sein?

 

Nun, ich mag’s auch nicht, an Haltestellen angebettelt zu werden. Ich will da auch lieber unbehelligt herumstehen. Und dann hat mich der schimpfende Herr wohl auch in seinen Bann geschlagen. Es fehlte mir schlicht an Mut und Laune. Deswegen habe ich nun kein schlechtes Gewissen. Ich bin nur nachdenklich: Wie viel Trägheit und Abwehrhaltung doch in mir steckt, wie viel Begegnungsangst auch, dass mir in solcher Situation nicht anderes einfällt als das stumme Ausweichen. Und dabei kenne ich die vielen Geschichten aus der Bibel doch, die davon erzählen, wie alle möglichen verkrachten Existenzen Jesus bedrängen und behelligen und sogar nach ihm greifen. Er lässt sie alle an sich ran. Er schärft auch seinen Jüngern ein: Verschließt euch nicht. Das ist nicht nur eine Frage der Moral. Das Leben macht wohl einfach mehr Spaß, wenn man nicht ausweicht.

 

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