Heimat

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Die Advents- und Weihnachtszeit scheint nicht besonders gut für Veränderungen geeignet zu sein. Zu viele Gewohnheiten und Traditionen sind damit verbunden, zu groß ist das Bedürnis nach Wärme und Gemütlichkeit.

Dabei ist die Adventszeit ursprünglich vor allem als eine Zeit der Veränderung gedacht.

 

Ich musste schon einige Male umziehen. Für den Zivildienst, fürs Studium, für den Beruf. Bisher habe ich in 9 verschiedenen Städten gelebt. Manchmal war der Neuanfang leicht. Manchmal hat es etwas gedauert, bis ich mich in der neuen Stadt zuhause fühlte. Vor kurzem habe ich eine meiner alten „Heimaten“ besucht, Wilhelmshaven an der Nordseeküste. Viele Plätze und Straßen kamen mir noch sehr vertraut vor. Aber es hatte sich auch viel geändert. Neue Häuser wurden gebaut, Läden geschlossen oder die Inhaber hatten gewechselt. Freunde waren weggezogen. Mit gemischten Gefühlen fuhr ich aus der alten Heimat in meine aktuelle Heimat, nach Dortmund, zurück. Wo bin ich nach so vielen Umzügen wirklich zuhause? Wie viele andere stelle ich fest: Heimat ist für mich der Ort, an dem ich so sein kann, wie ich bin. Wo ich mich auskenne. Wo ich mich sicher und geborgen fühle. Das hat bei mir auch viel mit guten Beziehungen, mit Freundschaften zu tun. Aber natürlich auch damit, wie ich wohne, wie es mit der Arbeit läuft, welche Nachbarn ich habe. Fremd fühle ich mich, wenn ich einsam bin, mit meiner Meinung, Denkweise, meinen Vorlieben, wenn ich nicht in die Welt um mich herum hineinpasse. Oder wenn sich zu viel zu schnell um mich herum verändert, ich nicht mitkomme. Die Frage ist, wie ich damit umgehe, wie ich mich in Veränderungen heimisch fühlen kann.

 

Nicht erst seit den Flüchtlingsströmen der letzten Jahre höre ich, wie sich Menschen über Einwanderer in unser Land beschweren. Über ihr Aussehen, ihr Verhalten, ihre Religion. Viele fühlen sich von dem, was fremd ist, bedroht. Dann wird oft der Verlust der „deutschen Kultur“ als Schreckgespenst an die Wand gemalt. Aber Kulturen haben sich schon immer verändert. Und auch Deutschland war immer schon ein Einwanderungsland. Schon vor dem 1. Weltkrieg und erst recht nach dem 2. Weltkrieg. Ohne Zuwanderer, die sogenannten Gastarbeiter, wäre heute vieles gar nicht da, was wir täglich nutzen, worauf wir stolz sind, was wir an Wohlstand genießen. Auf einer Postkarte, die ich beim Bummeln im Urlaub fand, steht eine schöne Zusammenfassung. Sie wird öfter zitiert. Und vieles davon trifft auf mich selbst zu.

 

„Dein Christus ist jüdisch, dein Auto japanisch. Deine Pizza ist italienisch, dein Döner türkisch. Deine Nudeln sind asiatisch, deine Musik englisch. Dein Champagner ist französisch, deine Demokratie griechisch. Dein Kaffee ist brasilianisch, deine Möbel schwedisch, deine Schrift lateinisch. Und Dein Nachbar ist nur ein Ausländer?“

 

Mein Leben, mich und Deutschland – mein Heimatland – gibt es nicht ohne die Einflüsse anderer Menschen und anderer Kulturen und nicht ohne Veränderung. Und die Adventszeit kann eine gute Zeit sein, in der Menschen verändert werden – in der manchmal aus Fremden Nachbarn und Freunde werden. In der Heimat neu entsteht.

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