„Total touched“

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Ich bin unterwegs im neuen Jahr. An der U-Bahnstation steigen drei junge Leute ein: zwei Mädchen, ein Junge, so um die achtzehn. Sie haben Spaß. Sie lachen. Spielen dabei an ihren Smartphones und unterhalten sich laut und fröhlich, ohne Punkt und Komma. Sie erzählen davon, wie Weihnachten war. Zuhause mit der Familie. Sie zeigen Fotos von den Geschenken. Sie schwärmen von der Silvesterparty und wie sie getanzt haben bis in den Morgen. Dann werden sie ernster. Kommen auf andere Themen, die sie beschäftigen: der Glyphosatskandal zum Beispiel. Sie empören sich, wie man mit der Umwelt umgeht. Mit ihrer Umwelt. Wie verantwortungslos wir sind, wenn es um Natur und Tiere geht und um die Generationen danach. Leidenschaftlich sind sie dabei. Der Junge wollte irgendetwas tun dagegen. Auf eine Demo gehen zum Beispiel. Gab es aber nicht. Die andere erzählt von einer Videobotschaft, die irgendwo ein junges Mädchen ins Netz gestellt hat, um zu protestieren, um Menschen wachzurütteln. Enorm viele Klicks hat die gehabt, schwärmt das Mädchen, und fährt fort: "Die waren alle 'total touched!'"

 

Irgendwie bin ich selber plötzlich "total touched". Berührt eben. Von der Leidenschaft und Begeisterung – auch von der ehrlichen Empörung der Jugendlichen. Sie erinnern mich an Zeiten, in denen ich ihnen ganz ähnlich war. Sie sind lebendig. Nicht so wohltemperiert wie wir Älteren oft. Und etwas von ihrer jugendlichen Begeisterung färbt ab auf uns Fahrgäste. Die Stimmung im Wagen ändert sich. Zaubert hier und da ein Lächeln auf die Gesichter.

Ich freue mich über diese flüchtige Begegnung zu Beginn des neuen Jahres. Sie ist ein gutes Zeichen. Ein verheißungsvoller Start in dieses 2018 - mit einer Portion Leidenschaft, Energie und Begeisterung. Wenn uns gelingt, etwas davon zu bewahren, dann ist Weihachten noch nicht ganz vorbei – auch wenn heute für viele von uns der Alltag wieder beginnt. Etwas ganz Wichtiges der Weihnachtsbotschaft klingt ja in uns weiter: die Fähigkeit, hin und wieder "total touched" zu sein. Wir gebrauchen vielleicht andere Worte dafür: sich von Herzen zu freuen, im Innersten berührt zu sein. Sich da, wo es sein muss, auch leidenschaftlich zu empören. Würden diese Jugendlichen die Weihnachtsgeschichte nacherzählen, wären die Hirten vermutlich auch total touched von dem Kind in der Krippe – genau wie Maria von den Geschehnissen der Nacht. Auch wenn die Bibel das anders ausdrückt: Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Doch egal wie man es ausdrückt – gemeint ist doch dasselbe: die Fähigkeit, mit einem lebendigen, mit einem mitfühlenden, empfindsamen Herzen zu leben – und das ist keine Frage des Alters: Total touched – ich finde, das ist ein gutes Motto für dieses Jahr.

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