Zukunftsvision

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"In welcher Welt wollen wir morgen leben?" Der Satz steht auf einem vom Wetter durchweichten Zettel an einer Hausunterführung. Jemand hat ihn mit Computer geschrieben, in Klarsichtfolie gesteckt und an die Häuserwand geklebt. In der Unterführung sammelt sich Müll. Vor einigen Tagen hat es damit begonnen, dass jemand seinen alten Schreibtisch dort entsorgt hatte. Keine Pressplatte, sondern Massivholz. Es dauerte nicht lange, da waren Türen und Schubladen aufgebrochen und herausgerissen und lagen überall im Durchgang herum. Schreibtisch und Wände waren mit Graffiti besprüht. Auf der Tischplatte lagen leere Bierflaschen und Essensreste. Doch dabei blieb es nicht. Irgendwann in der Nacht hatte jemand ein paar ausrangierte Gardinenstangen dazu gestellt. Wenig später kam noch ein kaputter Schreibtischstuhl dazu. Die Hausunterführung ist nachts nicht beleuchtet. So kann man unbemerkt entsorgen, was man nicht mehr haben möchte. Tagsüber wird der Durchgang von Kindern auf ihrem Weg zur benachbarten Grundschule genutzt. Kein schönes Umfeld für die Kleinen, muss ein Anwohner gedacht haben, und wurde kurzerhand selber aktiv. Irgendwie muss er es geschafft haben, den massiven Tisch in mehrere Teile zu zerlegen und Stück für Stück mit dem Auto zum nahe gelegenen Müllhof zu transportieren. Dann hat er den Zettel aufgehängt: "In welcher Welt wollen wir morgen leben?" Darunter der Hinweis, dass hier Tag für Tag viele Kinder durchlaufen – und die Bitte am Ende: Sorgen Sie bitte mit dafür, dass dieser Platz nicht weiter verkommt. Das Wunder geschah. Der Zettel wurde nicht abgerissen. Er hängt immer noch in der Unterführung. Nach und nach verschwand erst das Graffiti von den Wänden, dann die Gardinenstangen, zuletzt der kaputte Schreibtischstuhl. Es liegt kein Müll dort mehr herum. Ich kann es kaum glauben. Ich hatte fest damit gerechnet, dass der Zettel am Boden landet. Und die Entsorgungsaktion des Unsichtbaren nur dazu führt, dass andere denken: Klappt doch prima, da stell ich doch gleich noch meinen Kram dazu! Am Ende ist der Gutmütige der Dumme, dachte ich. Doch ich habe mich getäuscht. Heute ziehen die Kinder wieder fröhlich ihrer Wege durch die Unterführung – ohne Angst und ohne Ekel. Die Vision auf einem Stück Papier hat geholfen: In welcher Welt wollen wir morgen leben?

 

Visionen sind dazu da, dass man sich nicht abfindet. Die Bibel ist voll von ihnen, von ganz großen sogar: Da ist die Rede vom Friedensreich und von einer Welt, in der der Tod nicht mehr sein wird und es weder Leid, noch Geschrei noch Schmerz mehr geben wird. Visionen können ungeahnte Kräfte freisetzen. Sie sind ein Weckruf gegen die Macht der Hoffnungslosigkeit und der Gewöhnung. Und sie können ganz klein beginnen – wie in dieser Unterführung.

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