Das Wort zum Sonntag

Pfarrer Benedikt Welter

Einen guten späten Abend, verehrte Damen und Herren.

 

„Für den Inhalt der Wahlwerbung sind ausschließlich die Parteien verantwortlich“. Das haben Sie eben gehört – und hören es gleich auch wieder. Wie immer, wenn Wahlkampf ist.  Ich bleibe hängen bei dem einen Wort: „verantwortlich“.

Dass ich verantwortlich bin für das, was ich so von mir gebe – das ist das Eine; klingt selbstverständlich.

Aber mal anders herum gedacht und gefragt: welche Auswirkung hat dieses „verantwortlich sein“ für den Inhalt?

 

Bei „Verantwortung“ denken viele ja zunächst mal an die Verantwortung, die jede und jeder für sich selbst hat: erst mal vor der eigenen Haustüre kehren und sich an die eigene Nase fassen. Verantwortlich bin ich für mich – der Rest: geht mich irgendwie nichts an.

 

„Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung.“ Diesen Satz hat ein 24jähriger Student geschrieben. In einem Brief an seine Schwester. Und zwar im Juni 1942. Sein Name: Willi Graf. Während seines Studiums in München hat er sich einer Gruppe anderer Studenten angeschlossen: dazu gehörten auch Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell.  Die „Weiße Rose“ haben sie sich genannt.

Ein Jahr nach diesem Brief – im Oktober 1943 – wurde Willi Graf mit dem Fallbeil hingerichtet; der Volksgerichtshof hatte ihn verurteilt – und ihn so letztlich ermorden lassen. Begraben ist Willi Graf in seiner Heimatstadt, hier bei uns in Saarbrücken.

 

„Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung.“ Ein Satz. Geschrieben von einem jungen Erwachsenen in finsterer Zeit. Willi Graf und die „Weiße Rose“ haben während dieser finsteren Zeit in christlichen Jugendverbänden mitgemacht und dort Leben und Glauben gelernt. Ihr Glaube hat sie dazu motiviert, sich gegen das menschenverachtende Nazi-System zu stellen. Diese jungen Leute wussten, dass sie ihr Leben riskierten. Einfach, weil das Terror-Regime mächtiger war als sie.

 

Nur vor der eigenen Haustüre zu kehren, war ihnen trotzdem zu wenig.

 

„Jeder Einzelne trägt die ganze Verantwortung.“ Dafür, dass der Mensch nicht auf der Strecke bleibt. Kein Mensch. Dafür, dass es tatsächlich so etwas gibt wie „Menschenwürde“. Nicht als hohle Phrase in politisch korrekter Rede. Sondern als existentielle Grundlage für das Leben jedes einzelnen Menschen und jeder Gesellschaft.

Menschenwürde ist eine Wirklichkeit; die ist einfach da, ohne dass ein Mensch sie sich mühsam erarbeiten müsste. Würde gehört jedem und jeder.

Und vor allem: Kein Regime, kein Staat, keine Partei und keine religiöse Gruppe kann Menschenwürde irgendeinem Menschen absprechen oder sie nur in kleinen Häppchen zuweisen.

 

Aus ihrem christlichen Glauben heraus haben Willi Graf und die anderen der „Weißen Rose“ gewusst, dass dem Menschen diese Würde innewohnt – weil Gott sie ihr und ihm schenkt.

 

Die „Weiße Rose“ hat dafür gekämpft und mit dem eigenen Leben bezahlt.

 

„Jeder einzelne trägt die ganze Verantwortung“. Ein Satz aus einem alten Brief, geschrieben vor mehr als 75 Jahren. Es ist ein Satz, der bleibt. Der gilt - auch im Wahlkampf-Jahr 2017. Und er gilt erst recht und noch mehr, je verrückter oder unberechenbarer uns erscheint, was in der nahen und weiten Welt geschieht.

 

Gleich nach dem Wort zum Sonntag kommt es wieder: „Für den Inhalt der Wahlwerbung sind ausschließlich die Parteien verantwortlich“.

 

Wer weiß, wie diese Inhalte aussehen würden, wenn jeder sich vorher fragt:

„Wenn ich die ganze Verantwortung trage -,  was heißt das für den Inhalt?“

 

Ich wünsche Ihnen einen verantwortungsvollen und guten Sonntag.

 

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