Leit(d)kultur

Pastorin Annette Behnken

Gott sei Dank! Gott sei Dank darf ich frei denken, ich darf normal sein oder schräg, mainstream oder Paradiesvogel. Ich darf religiös sein oder nicht -  Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, freie Entfaltung der Persönlichkeit. Das wunderbare Wort „Freiheit“ steht mehr als einmal in unserem Grundgesetz. Und außerdem Menschenwürde, Gleichheit und Gerechtigkeit. Das Fundament unserer nationalen Identität.

Manchmal muss man sich wohl daran erinnern, wer man eigentlich ist. Am Montag können wir das tun. Uns daran erinnern, wie eine dunkle Zeit zu Ende ging, die unser Land, so wie es heute ist, geboren hat. Tag der Befreiung - der 8.Mai 1945 - Ende des 2. Weltkriegs. Befreiung der Welt vom Terror des Nationalsozialismus. Seitdem gehören die Erfahrungen dieser Zeit zu unserer nationalen Identität. Seitdem gehört der Satz: Nie wieder! zu uns. Und seit vier Jahre später das Grundgesetz in Kraft getreten, ist das der Boden, auf dem die deutsche Nation steht und lebt, urteilt und handelt. 146 Artikel. In den ersten 19 die Grundrechte: Gleichheit. Gerechtigkeit. Freiheit. Das ist der sichere Boden, auf dem viele Kulturen, Traditionen, Positionen, Stile, Gewohnheiten und Religionen Platz haben. Und auch Sie und auch ich, so wundersam und wunderbar wir sein mögen. Vielfalt, die unser Land lebendig macht und kreativ und reich. Auf dem sicheren Boden der Grundrechte kann jede und jeder nach seiner Fasson selig werden - natürlich: solange er anderen nicht schadet.

Darum ist es absolut und vollkommen unnötig, eine deutsche Leitkultur zu formulieren. Wir brauchen das nicht! Danach zu fragen, mag richtig sein. Und wir müssen manches diskutieren, ganz bestimmt. Die Grundlage aber, auf der das passiert, ist klar. Und stark. Wir müssen uns nur daran erinnern, wer wir sind.

Unsere Aufgabe als Kirche ist es, dabei Mahner und Wächter zu sein. Für Menschlichkeit. Und Nächstenliebe. Und das ist viel mehr, als „Kitt der Gesellschaft“ zu sein! “Kitt“ -  wie konnte uns das passieren, dass wir so zahnlos und zahm geworden sind, so ohne Biss und Leidenschaft, dass wir nur noch als Kitt, als Flickzeug wahrgenommen werden?! Wo ist die Schärfe und das Feuer unserer Botschaft?!

Offenbar müssen auch wir Christen uns wieder erinnern, wer wir sind. Wir müssen stören und nerven und schreien, wenn bedroht ist, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält: Gleichheit. Gerechtigkeit. Freiheit.

Darum ertrage ich Sätze nur schwer wie „wir sind nicht Burka“. Weil es fremdenfeindlicher Zündstoff ist. Weil ich burkatragende Frauen nicht als potentielle Kulturgefährderinnen diffamieren möchte. Was ich will ist: Begegnung. Respekt. Menschlichkeit.

Darum finde ich den Leistungsgedanken als leitendes Prinzip unserer Gesellschaft unmenschlich. Damit binden wir uns auf Gedeih und Verderb ans eine nur am Kapital orientierte Wirtschaft und eine hemmungslose Produktivität. Damit machen wir viele Menschen krank und einsam und arm. Es ist meine innerste Überzeugung, dass wir uns Menschen nicht über Leistung definieren dürfen. Wir haben das Recht, ein unproduktiver Mensch zu sein und nicht zu funktionieren. Ich will, dass wir nicht vergessen, dass wir uns das Wesentliche, das, was uns im Innersten zusammenhält, nicht durch Leistung und Produktivität erarbeiten können: Sinn. Erfüllung. Gnade.

Also, was uns im Innersten zusammenhält, ist doch klar: Wir müssen uns nur daran erinnern, wer wir sind.

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