Unsere Freiheiten

Pfarrer i.R. Alfred Buß

Unsere Freiheiten

Manches vergisst man nicht: Mein Lehrer zeigte damals mit dem Finger auf mich: Du bleibst stehen, bis Du die Wahrheit sagst. Wir Jungs hatten gerangelt. Der Stuhl des Lehrers war dabei in die Brüche gegangen. Wer war das? fuhr er uns an. Niemand meldete sich. Wer war das? Keine Antwort. Wir regeln den Schaden gemeinsam, wagte ich vorzuschlagen. Doch er wollte wissen, wer es war. Und so blieb ich stehen, eine Stunde lang.

Diese Szene war sofort wieder da, als ich jetzt von einer pakistanischen Journalistin diese Sätze las: „Der Lehrer sagte mir, ich solle mich schämen. Für den Rest der Stunde ließ er mich stehen... Damals war ich 14.“ Sie hatte gestanden, nicht zu beten. Im islamischen Religionsunterricht. Aufgewachsen war sie in einem atheistischen Elternhaus. Als Jugendliche hatte sie versucht, mutig Atheistin zu sein. Später gab sie sich religiös, zum Schein, um in der Gesellschaft zu überleben und akzeptiert zu werden. Ich bin nicht gegen den Islam oder irgendeine andere Religion, schreibt sie.

Als die Bedrohungen zunahmen, floh sie aus Pakistan. Froh war sie, in Deutschland endlich nichts mehr vortäuschen zu müssen. Doch auch hier wurde sie bedroht. Von einem Studenten aus Marokko sogar mit einem Messer. „Er wollte nicht glauben, dass mein Vater Atheist war“ schreibt sie. „Er sagte, als eine..., die sich vom Islam losgesagt hat, müsse ich mit dem Tode bestraft werden.“

Todesdrohungen sind typische Kennzeichen von allen Religionen und Weltanschauungen, wenn sie sich selber absolut setzen. Vor 500 Jahren sollte Luther seine Lehren widerrufen. Seine Bücher brannten schon. Alles schien auf ein Todesurteil durch den Reichstag hinauszulaufen. Dennoch weigerte er sich, vor Kaiser und Reichsständen zu widerrufen, was seine tiefste Überzeugung war: ich kann und will (... ) nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.

Sein Auftreten wirkte revolutionär. Luther berief sich auf sein Gewissen. In Glaubensdingen hat niemand über einen Menschen zu verfügen: Kein Papst, kein Kaiser, kein Staat und keine Religion. Doch es sollte noch ein langer, steiniger Weg werden bis zur Durchsetzung der Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Schon Luther fiel dahinter zurück mit seinen Tiraden gegen die Juden. Es wurde ein Weg der Unduldsamkeit und des Blutvergießens, oft angestachelt von den Kirchen.

Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit sind heute ein Menschenrecht, aber sie sind längst nicht durchgesetzt. Im Gegenteil. Schauen wir uns nur um.

Morgen ist der Gebetstag für bedrängte und verfolgte Christen in aller Welt. Ihr Schicksal muss uns aufrütteln. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen.

Und müssen zugleich respektvoll umgehen mit Menschen anderen Glaubens- oder anderer Weltanschauung wie der pakistanischen Journalistin.

So steht’s im Neuen Testament: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest, und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.

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