Wahr ist, was gefällt?

Journalismus in der Glaubwürdigkeitskrise
Frankfurter Tag des Online-Journalismus 2017

Bildcomposition: hr

Waren Fakten gestern? Fakt ist: Das, was wir die Öffentlichkeit genannt haben, droht kaputt zu gehen – und das hat mit unserem Medium zu tun: „Wir leben nicht im postfaktischen Zeitalter. Wir leben im Zeitalter des durch das Internet möglich gemachten Bull­shits,“ sagt ein New Yorker Philosophie-Professor dazu – und hat vermutlich Recht.

[zum Programm]

 

Der #ftoj17 dreht sich um die Fragen, die uns Journalistinnen und Journalisten nicht erst seit dem Wahlsieg von Donald Trump und dem Beginn des deutschen Wahljahrs beschäftigen:

  • Wie bringen wir Filterblasen zum Platzen?
  • Was können wir bewusst platzierten Unwahrheiten und Verzerrungen entgegensetzen?
  • Wie zivilisieren wir die Kommentarspalten?
  • Wie begegnen wir Nutzern, die uns mit Misstrauen entgegentreten?
  • Wie arbeiten wir unsere eigenen Sünden auf – beispielsweise den Hang zu Skandalisierung, Emotionalisierung und Intransparenz?

Kurz: Es geht um die Frage, wie wir unsere Aufgabe bewältigen – zu den Debatten einer aufgeklärten Öffentlichkeit beizutragen. Unsere Referentinnen und Referenten werden uns helfen, Antworten zu finden – darunter einer der profiliertesten Fake-Jäger, eine Psychologin, die uns erklärt, warum wir uns in der Welt der subjektiven Wahrheiten so wohl fühlen, und ein Propaganda-Forscher, der vorführt, was man mit Bots anstellen kann.

 

Artikel zum Workshop "Social Bots"

Social Bots, die Meinungsmacher

Sonntag Abend, ich öffne Facebook und lese einige Posts auf Politik kritischen Seiten. Mir fällt etwas auf. Denselben Post habe ich doch gestern in einem anderen Zusammenhang gelesen. So viel Angst und Hass. Auf einmal geht es Schlag auf Schlag. Der Account quillt über von Hate- und Fearspeech. Es geht immer schneller und schneller. Die Inhalte nehmen weiter an Härte zu. Was ist das?

Social Media hat die Art, wie Menschen sich ihre Meinung bilden verändert. In Präwebzeiten geschah dies im Freundeskreis mithilfe der Medien Zeitung und Fernsehen. Heute kommunizieren wir mit hunderten von Freunden und sehen ihre Meinung im Web. Aber was für Menschen sind diese Freunde und wie kommen sie zu ihrer Meinung. Diese Frage stellen sich kritische Mediennutzer schon lange. Was wäre aber, wenn diese Freunde nicht einmal Menschen sind?

Social Bots sind autonom agierende Programme, die über eine Schnittstelle in Twitter und Facebook eingebracht werden können. Schon mit dreißig Zeilen Quellcode können diese Bots nach einem Begriff in Social Mediabeiträgen suchen und dann dort autonom eine vorformulierte Meinung posten. Bei Meinungen zählt oft die Masse, auch wenn wir glauben, wir wären unabhängig. Wenn tausende „Teilnehmer“ eine Meinung äußern muss doch etwas dran sein. Wenn diese vielen ähnlichen Meinungen aber in Wirklichkeit ein einziger tausendmal kopierter Bot sind, welche Folgen kann das für unsere neue Meinungswelt im Web und auch unseren Alltag haben?

Wenn Menschen sich bestätigt fühlen, dann handeln sie auch nach ihrer Meinung. Wenn viele Menschen sich mit Hass und Angstbotschaften gegenseitig bestätigen, dann entsteht eine Bewegung. Eine Bewegung, die Handlungen hervorbringen kann, die wir aus den Nachrichten nur zu gut kennen. Können Bots so eine Welle auslösen? Dazu gibt es noch nicht viel Literatur. Technisch wie psychologisch gesehen scheint dies jedoch denkbar.

Durch einen solchen Einsatz von Social bots zur Meinungsmache können wenige Menschen viele unter Druck setzen. Manch einer der sog. Shitstorms, über deren Entstehen lang und viel geschrieben wurde könnte genau auf diese Weise durch den Einsatz einer großen Zahl von Bots gemacht sein.

Was tun die Betreiber? Wenig. Sie nutzen selbst Bots, aber zu anderen Zwecken. Bots können nicht nur Hassbotschaften versenden. Sie sammeln Daten, ermitteln Zusammenhänge und führen Wartungsarbeiten aus. Außerdem generieren sie große Mengen Traffic und Klicks. Traffic kann niemand genug haben. Somit haben die Betreiber kein Interesse Bots ganz zu blockieren, z.B. durch entfernen der Schnittstelle zum hochladen des Botprogramms. Es gibt natürlich Sicherheitsfeatures, um z.B. das Abstürzen der Server durch Milliardenfache Botkommunikation zu verhindern. Wenn sich der Botuser etwas einschränkt kann er diese Maßnahmen jedoch recht leicht unterlaufen.

Was tut die Community? Sie klärt auf. Viele Bots sind nicht besonders „schlau“. Oft hilft schon anschreiben. Wenn mehrmals keine oder eine unpassende Antwort kommt, ist ein Bot wahrscheinlich. Es gibt Informationszentren zum Thema im Netz.

Wer hat Angst vorm bösen Bot? Gesunder Menschenverstand (Firewall Nr. 1) schützt, wie bei jeder anderen Meinungsmache auch. Ob es ein Mensch ist oder ein Bot, der mich mit Angst oder Hass überzeugen will ist nebensächlich. Auf eine feste eigene Meinung und Selbstbewusstsein kommt es an. Dann kann weder der Hater noch der Haterbot etwas ausrichten. In diesem Sinne: Surf Save

Hubertus Holschbach

Hubertus.Holschbach_FM@gep.de

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