Zweckloser Widerstand?

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Zweckloser Widerstand?
Zum internationalen Tag für die Beseitigung der Armut
17.10.2021 - 07:05
Über die Sendung:

 

Der "Feiertag" im DLF zum Nachhören und Nachlesen.

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„Wo immer Menschen dazu verurteilt sind, im Elend zu leben, werden die Menschenrechte verletzt. Sich mit vereinten Kräften für ihre Achtung einzusetzen, ist heilige Pflicht.“ (1)

 

Entschlossene Worte, die am „Platz der Menschenrechte“ in Paris zu lesen sind. Die Marmorplatte, auf der sie eingraviert sind, sollen an den 17. Oktober 1987 erinnern. An diesem Tag erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 17. Oktober zum ‚Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut.‘ Die Worte auf der Marmorplatte drücken unübersehbar die Überzeugung aus: Elend ist nicht unabänderlich!

Das ist keine bloße Feststellung. Das fordert Menschen zum Handeln auf!

Ist das Elend nicht unabänderlich, so ist es Aufgabe der Menschheit, aktiv gegen die Armut vorzugehen. Betroffene Menschen müssen vom Elend befreit werden, das durch Armut verursacht wird. Darin steckt der tiefere Sinn des internationalen Tags zur Beseitigung der Armut.

Es gehört Mut dazu, der Armut mit dieser Entschlossenheit den Kampf anzusagen. Und sehr viel Idealismus, um die Welt von den erdrückenden Fesseln der Armut freimachen zu wollen.

Ich kenne Menschen, die sich gegen die Armut gestemmt haben. Betroffene, die Armut als ihren Feind ausgemacht haben. Sie haben diesen Feind bekämpft, um ihn zu besiegen. Gelernt habe ich aus solchen Kämpfen: Die Armut besitzt eine perfide Macht. Sie macht Armut nahezu unbesiegbar. Viel öfter zwingt die Armut Menschen auf die Knie. Sie raubt ihren Opfern die Würde. Sie missachtet die Schamgefühle der Betroffenen, die dabei grob verletzt werden.

Die Armut kann, wie kaum ein anderes Phänomen, den Menschen erniedrigen. Die heimtückische Macht der Armut – wissen die Menschen darum, die den Tag zur Beseitigung der Armut ausgerufen haben? Kennen sie die arglistige Schlagkraft der Armut? Diese gemeine Macht ist heute allgegenwärtig. Sie erfasst den gesamten Globus, aber niemand scheint dafür verantwortlich zu sein. Armut ist gerade deswegen unberechenbar. Ihre Macht löst Ohnmacht unter der Menschheit aus. Und sie verbreitet sich immer rasanter.

Das macht mich leicht sprachlos. Und trotzdem bin ich mir bewusst: Der Mensch muss gegen die Armut kämpfen und weiterkämpfen. Dazu gibt es keine Alternative. Die Armut darf nicht weiter uneingeschränkt die Existenz des viel größeren Teils der Weltbevölkerung bestimmen.

Für den ‚Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut‘ heute wollte ich Hinweise finden, die mir Orientierung verschaffen. Ich wollte wissen, was mit den geplanten Aktionen an diesem Tag beabsichtigt ist. Dann fand ich tatsächlich drei ausformulierte Ziele, mit denen ich etwas anfangen konnte. In einem Prospekt hieß es, es gehe darum,

  • den Widerstand der von Armut betroffenen Menschen gegen Elend und Ausgrenzung zu würdigen,
  • den Not leidenden und ausgegrenzten Menschen Gehör zu verschaffen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen,
  • sich mit den Allerärmsten dafür einzusetzen, dass die Rechte aller auch wirklich für alle gelten.

 

Doch der von den Vereinten Nationen ausgerufene Tag zielt auf eine „Beseitigung“ der Armut. Das kann ich in den drei obengenannten Zielen nicht erkennen. Die Beseitigung der Armut wird nicht einmal angedeutet.

Genau das aber ist, was mich anstachelt. Mich steckt der Glaube an, Armut nicht mehr als zum Leben gehörend anzusehen. Ihren Widerstand gegen die Beseitigung will ich für zwecklos erklären. Aber habe ich für dieses Vorhaben eine Strategie? Ich will nicht resignieren! Aber die an diesem Tag erinnerte Aufgabe ist alles andere als leicht. Die Armut zu beseitigen – das ist eine Mammutaufgabe.

 

Immer wieder denke ich an Monika, eine alte Frau, der ich in meiner früheren Heimat Kamerun begegnete. Bei ihr war ich einmal zu Gast. Sie bewohnte ein bescheidenes Häuschen am Dorf-ende. Als ich wieder gehen wollte, bekam sie plötzlich ein scheinbar schwer zu lösendes Problem. Sie wollte mich nicht ohne Geschenk gehen lassen. Sie durchstöberte ihren Haushalt auf der Suche danach. Und das, nachdem sie mir bereits ihre große und bewegende Gastfreundschaft geschenkt hatte. Aber es gehörte sich für sie, dass man den Gast zum Abschied auf keinen Fall ohne kleine Aufmerksamkeit die Türschwelle passieren lässt. Sie wühlte so lange, bis sie zwei Geschenke fand. Und diese drückte sie mir in die Hand: eine kleine Schachtel Streichhölzer und etwas Bargeld in Höhe von zwanzig Eurocent. Das warme Lächeln und die herzlichen Worte zeigten mir: Sie war glücklich und stolz, dass sie diese für sie so wichtige Geste hatte vollziehen können.

Da ich Monika kannte, wusste ich, dass sie kein Einkommen hatte. Ihre magere Gemüseernte reichte gerade für zwei Mahlzeiten am Tag. Sie lebte arm, materiell arm. Und doch erkannte ich in dieser Geste: Diese Frau gehört nicht zu den Menschen, die von der Armut gegeißelt werden. Ihr souveräner Umgang mit dem wenigen, was sie besaß, ließ sie in meinen Augen ungemein reich erscheinen.

Die Gefahr ist natürlich groß, solche Menschen zu idealisieren. Und darüber den Blick für die Realität zu verlieren. Die herabwürdigende Wirklichkeit ist: Unendlich viele Menschen in der Welt werden durch die Armut erniedrigt. Und diese Menschen verlieren die Möglichkeit, eine Existenz in Würde zu führen. Armut ist relativierbar, aber sie ist existent, sie ist real. Und von ihr geht permanent die Bedrohung aus, dem Menschsein des Menschen empfindlich zu schaden.

Die Begegnung mit der alten Frau in Kamerun ist für mich bis heute mein Ausgangspunkt, um über Armut nachzudenken.

Das Erniedrigende in der Armut ist so wenig mit Zahlen fassbar wie das scheinbar Erhöhende im Reichtum. Das Beispiel dieser Frau in Kamerun besagt: Man kann auch ohne Mittel reich sein. Was aber die Menschheit heute herausfordert, ist: die soziale Isolation, die mit dem materiellen Mangel einhergeht, die gesellschaftliche Ausgrenzung, die Diskriminierung. Und für jeden und jede Betroffene kommt dazu: die Scham, der Verlust der Selbstachtung, die Verzweiflung. Menschen, die von Armut betroffen sind, fallen sehr tief. Und es kann nicht allein Gottes Hand sein, die sie auffängt.

 

Die alte Frau in Kamerun machte mir trotz ihrer Armut ein rührendes Abschiedsgeschenk. Ein erhabenes Bild! Doch es löst sich auf, wenn ich dieses Bild in die Gegenwart stelle. Heute, dreißig Jahre später lebt Monika nicht mehr, doch begegnen mir nicht nur in Kamerun viele Menschen, die ähnlich denken wie sie damals. Aber diese innere Haltung, bei der man auch dann reich sein kann, wenn man wenig besitzt, wird heute oft nicht mehr geschätzt.

Längst sind andere Maximen und andere Lebensentwürfe gewachsen. Es hat sich eine neue Elite gebildet, die viel mehr auf materialistische Werte gepolt ist. Sie legt fest, was reich und was arm ist und es bedeutet. Folgt man den heutigen Maximen, ist meine damalige Schenkerin arm. Die Größe ihrer Geste würde niemand wahrnehmen wollen oder können.

Die Kriterien der Armut lassen sich heute klar formulieren - im Spiegel der Maximen, die von der beherrschenden „Welt der Reichen“ aufgestellt sind. Und das sind die Menschen, die die Reichtümer dieser Welt managen. Sie sind nicht greifbar, aber real. Für die ‚Welt der Reichen‘ sind diejenigen arm, die keinen Zugang haben zu den materiellen und immateriellen Lebensressourcen. Es geht um Land, es geht um Wasser, sogar um die Luft. Auch um die Gesundheit, um die Kraft, um die elementaren Rechte. Alle diese Ressourcen sind immer weniger erreichbar für den größeren Teil der Weltbevölkerung, für die Armen. Weil die ‚Welt der Reichen‘ den Zugang zu diesen Ressourcen für sich beansprucht.

Das betrifft ebenso die Arbeitswelt und das wirtschaftliche Leben. Auch hier haben die Manager des Reichtums die Kontrolle darüber, wie viele Menschen arbeiten dürfen und was ihnen zusteht bzw. was nicht. Und weil die Manager des Reichtums nicht nur vom Waffenverkauf profitieren, sondern diesen auch kontrollieren, entscheiden sie auch über die kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit. Die zerstörerischen Folgen jedoch tragen die Armen, die zu den Opfern solcher Auseinandersetzungen werden. Sie, die Armen, sind diejenigen, die keinen Einfluss auf Befriedungsmechanismen haben. Deren Existenz aber ist es, die beeinträchtigt und zerstört wird, solange kein Frieden ist.

Die Manager des Reichtums kontrollieren auch die Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf die globalen Katastrophen. Wirtschaftliche Interessen haben auch dann noch Priorität, wenn das Weltklima aus den Fugen gerät. Notleidende sind wieder vor allem die Armen. Ihnen fehlt die wirtschaftliche Kraft, mit den Folgen des Klimawandels leben zu können. Kleinbauern in Afrika, Asien und Südamerika sind auf ein ausgewogenes Zusammenspiel von Regen- und Trockenzeiten angewiesen. Erosion, Versalzung der Böden und Zunahme der Wüsten zerstören ihren Lebensraum.

Mit der Produktion und dem Geschäft mit Saatgut und Dünger kontrollieren die Manager des Reichtums auch die Nahrungsmittel weltweit. Sind die Agrarpreise nicht mehr bezahlbar, treibt das die Armen schnell in den Ruin. Auch der Fleischkonsum wird von den Managern des Reichtums kontrolliert. Wieder sind die Armen die ewigen Verlierer, wenn für Weideplätze und für die Produktion von Futtergetreiden die Bedarfe der Kleinbauern zurückgedrängt werden.

Die Gegenüberstellung von Armen und den Managern des Reichtums mag plakativ erscheinen. Mir scheint sie notwendig, um die Armut in ihrer Kausalität und in ihrer Globalität zu erfassen. Armut erscheint in der Geschichte des Menschen immer als polarisierendes Phänomen. Die berechtigte Frage: Wird Armut nicht fassbarer, wenn die Welt derer greifbar wird, die die Reichtümer der Welt managen? Es sind letztendlich die Gesetze einer ‚Welt der Reichen‘, die das Fortschreiten der Armut befeuern!

 

Dass die Armut angegriffen werden kann, zeigt auch die Bibel. Sie spricht die Menschen an, die Reichtum produzieren und verwalten - um die Würde der Armen in den Fokus der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu rücken. Die Gesetzgebung im Buch Exodus verankert mit diesem Vorsatz die soziale Verantwortung der Reichen gegenüber den Armen. Der Prophet Amos warnt die Reichen vor der Unterdrückung der Armen und stärkt das Recht der Armen auf eine gerechte Behandlung. Der Jakobusbrief im Neuen Testament prophezeit den Reichen mit heftigen Bildern ein großes Elend – da die Reichen den armen Arbeitern ihren Lohn vorenthalten. Die Gegenüberstellung von Arm und Reich ist ein häufiges Motiv in der Bibel.

Es geht in der Bibel aber nie um ein Ausspielen der Armen gegen die Reichen. Es handelt sich nicht um eine gesellschaftliche Konfrontation. Die Bibel richtet sich gegen die Unmenschlichkeit am Beispiel der Armut. Und es stehen diejenigen in der Verantwortung, die die Reichtümer kontrollieren. Der Begriff Armut ist auch heute nur schwer zu fassen, wenn er von den Interessen derer abgekoppelt wird, die die Reichtümer kontrollieren.

 

Wenn von Armut die Rede ist, dann rücken die Menschen aus Afrika, Asien und Südamerika ins Blickfeld. Das hat seine Berechtigung. Aber die wachsende Armut hat tatsächlich die Menschen weltweit im Griff, also auch in den reichen Ländern. In Deutschland spricht man von Millionen von Betroffenen.

Die wachsende Herausforderung erkannten Menschen schon 1993 und gründeten die sogenannten „Tafeln“. Bedürftigen Menschen stellen die Tafeln Lebensmittel zur Verfügung, kostenlos oder gegen ein geringes Entgelt. Die Tafeln haben sich rasant entwickelt und viele motiviert. In den letzten dreißig Jahren hat die Bewegung ganz Deutschland erreicht. Die „Tafeln“ sind mittlerweile gut etabliert, nicht nur in Deutschland. Sie versorgen Menschen mit Lebensmitteln, die sie sich sonst nicht leisten können. Und setzen damit ein wichtiges Zeichen, das Hoffnung und Zuversicht verbreitet. Denn mit ihnen rücken Menschen in den Mittelpunkt der Wahrnehmung, die sonst nur als arm abgestempelt sind. Die „Tafeln“ behandeln von Armut betroffene Menschen mit Respekt. Und Respekt gehört zu den Dingen, die Menschen in Armut zu wenig oder gar nicht erleben.

Deutschland ist ein reicher Industriestaat. Im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehen aber die Menschen, die ihr Leben auch nach den Maximen einer reichen Gesellschaft gestalten können. Die anderen werden nicht wirklich wahrgenommen. Und doch sind sie da, die Menschen, die leere Flaschen einsammeln, um mit dem Erlös des Pfandgeldes irgendwie über die Runden zu kommen.

Eine Statistik offenbart, dass aktuell mehr als 14 Millionen Menschen in Deutschland von Armut spürbar bedroht sind. Arbeitslose, Alleinerziehende, Geringverdiener, kinderreiche Familien, Rentnerinnen und Rentner. Erschreckend ist, dass zu den Bedürftigen auch zahlreiche Kinder und Jugendliche zählen.

Mit ihren rund 60.000 Mitarbeiter*innen erreichen die „Tafeln“ viele von ihnen. Ganz ohne das technokratische Zutun des Staates. Dieses Ehrenamt von unschätzbarem Wert offenbart damit auch: hierzulande werden ausreichend Lebensmittel produziert! Denn die „Tafeln“ sammeln Lebensmittel ein, die im Handel überschüssig geworden sind, und stellen sie den Bedürftigen zur Verfügung.

Die „Tafeln“ bauen auch für die Bedürftigen einige Hürden ab. Es fällt vielen Menschen schwer, Hilfe von Nachbar*innen oder Freund*innen anzunehmen. Es ist schwer, zeigen zu müssen, wie wenig man tatsächlich besitzt, wie sehr man aus den Regeln einer reichen Gesellschaft herausfällt. Der Gang zur „Tafel“ fällt vielen leichter, gerade weil die Tafeln inzwischen so gut etabliert sind.

Und doch: in der Gesellschaft sind viel mehr Arme vorhanden, als wahrnehmbar ist. Und eine Gesellschaft, in deren Mitte sich Arme an ihr Leben gewöhnen, läuft Gefahr, die Würde ihrer Menschen nicht mehr wahrnehmen und schützen zu können.

Der internationale Tag für die Beseitigung der Armut heute erinnert mich daran: Elend ist nicht unabänderlich! Die Gesetze unserer ,Welt der Reichen‘ sind nicht unabänderlich! Und Armut lässt sich bekämpfen, hier bei uns und auch in der Welt.

Das ist eine Mammutaufgabe. Aber ich will mich anstecken lassen von dem Glauben, dass Armut nicht zum Leben gehört.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Musik dieser Sendung:
 

  1. Keith Jarret, Prayer
  2. Dave Grusin, Days of Wine and Roses
  3. Theolonious Monk: It Don’t Mean a Thing (I fit Ain’t That Swing)
  4. Hampton Hawes, Hamp’s Blues
  5. Vince Guaraldi Trio, Greensleeves

 

Literaturangaben

 

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Tag_für_die_Beseitigung_der_Armut

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.