Jedes nach seiner Art

Vogel auf blühendem Zweig

Gemeinfrei via Unsplash/ Ray Hennessy

Jedes nach seiner Art
Artenvielfalt schützen
15.10.2021 - 06:35
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Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Gedanken zur Woche von Martin Vorländer

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Am Anfang der Bibel wird erzählt, wie Gott Himmel und Erde geschaffen hat, alle Lebewesen im Wasser, in der Luft, zu Land und schließlich den Menschen. Gott spricht zum ersten Menschenpaar: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (1. Mose 1,28; in der Theologiegeschichte „dominium terrae“ genannt, Herrschaft des Menschen über die Erde)

Man könnte heute sagen: Auftrag erfüllt! Der Mensch hat sich kräftig vermehrt, die Erde gefüllt und sich untertan gemacht. Wir haben uns so verbreitet, dass immer weniger Platz bleibt für die Fische im Meer, für die Vögel unter dem Himmel und für alles Getier auf der Erde. Mit den fatalen Folgen menschlichen Verhaltens beschäftigt sich diese Woche die UN Artenschutzkonferenz. Sie hat am Montag begonnen und geht heute zu Ende. China ist Gastgeber, darum findet die UN Artenschutzkonferenz in der südchinesischen Stadt Kunming statt. Die meisten Teilnehmenden aus den fast 200 Ländern sind online zugeschaltet. Ziel ist ein internationales Abkommen, das im Frühjahr geschlossen werden soll. Eine „Erklärung von Kunming“ hat die UN Konferenz jetzt schon mal verabschiedet. Die Weltgemeinschaft will verstärkt gegen das Artensterben kämpfen. Sie ruft die Länder dazu auf, 30 Prozent der Fläche an Land und im Meer unter Naturschutz zu stellen. Das ist sehr vage. Konkrete Maßnahmen kommen in der Erklärung nicht vor – die sollen nächstes Jahr vereinbart werden.

Kunming, der Ort der Weltkonferenz für Artenschutz, wird in China auch „Stadt des Frühlings“ genannt. Hoffentlich gibt es ein Frühlingserwachen. Dafür ist es höchste Zeit. Wissenschaftlerinnen und Forscher zeigen, wie erschreckend schlecht es den Pflanzen und Tieren geht, weil der Mensch ihnen die Lebensgrundlagen nimmt. Die Meere sind überfischt und verschmutzt. Zu viele Wälder sind bereits abgeholzt oder werden gerodet. Immer mehr Erdboden wird platt gemacht für Häuser und Städte. Die Landwirtschaft, die für unsere Lebensmittel sorgt, geht auf Kosten anderer Lebewesen.

Unsere Art zu leben bedroht das Leben anderer Arten. Inzwischen ist nicht nur den Teilnehmer-Staaten klar: Wenn immer mehr Pflanzen- und Tierarten aussterben, geht es auch um unser Überleben. Wir werden meistens erst aktiv, wenn es um uns selbst geht.

In der Schöpfungsgeschichte der Bibel sagt Gott zu den Menschen: „Macht euch die Erde untertan!“ Das haben viele lange so verstanden: Die Schöpfung ist allein für den Menschen da. Die Menschen sind das Ziel und die Krone der Schöpfung. Dabei steht noch ganz anderes in der Schöpfungsgeschichte der Bibel. Sie ist kein wissenschaftlicher Bericht. Sie erzählt vom Staunen darüber, wie wunderbar die Welt gemacht ist. In der Bibel hört sich das so an: „Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut (…) und fruchtbare Bäume, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen.“ Und dann schafft Gott die Tiere mit den Worten: „Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen (…) Und Gott schuf große Seeungeheuer und alles Getier, das da lebt und webt, (…) ein jedes nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie.“ (1. Mose 1,11.20-22)

So klingt Artenvielfalt und Biodiversität in biblischen Worten. „Ein jedes nach seiner Art“, dieser Ausdruck kommt in der biblischen Schöpfungsgeschichte ständig vor. Gras, Bäume, Fische, Vögel, alles Getier hat von Gott seine eigene Art, sein eigenes Lebensrecht – unabhängig vom Menschen. Gott schafft Pflanzen und Tiere, bevor er Menschen macht. Der erste Segen Gottes geht an die Vielfalt der Tierwelt, noch bevor das erste Menschenpaar die Bühne betritt.

Inmitten all dieser Geschöpfe bekommt auch der Mensch seinen Platz. Die Menschen in der Bibel sind Teil von Gottes Schöpfung, ja sogar Gottes Ebenbild. Und wie sieht Gott aus?  Kreativ und fürsorglich für alles Leben. Denn so lässt sich Gottes Auftrag an die Menschheit auch übersetzen: Untertan machen heißt nicht unterwerfen, sondern bedeutet: Macht die Erde urbar, kultiviert sie! Kultivieren ist etwas anderes als zerstören. Es meint pflegen und hegen. Wie ein Hirte sich um seine Herde kümmert. Nämlich so, dass es alle Tiere gut haben und keines verloren geht.

Die Krone der Schöpfung ist in der Bibel nicht der Mensch. Gott schafft die Menschheit am sechsten Tag. Das Ziel ist der siebte Tag: An dem ruhte Gott von allen seinen Werken – und die ganze Schöpfung mit ihm. Alle in Einklang miteinander. Ein jedes nach seiner Art. Das ist die Krönung.

Es gilt das gesprochene Wort.

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