Ich fehle in meinen besten Absichten

Morgenandacht
Ich fehle in meinen besten Absichten
09.02.2019 06:35
03.01.2019
Eberhard Hadem
Sendung zum Nachhören
Sendung zum Nachlesen

Das Rechtschreibprogramm meines Computers kennt nur die passive Bedeutung von ‚fehlen‘: Die Erfahrung des Mangels, der Not, der Bedürftigkeit, wenn mir etwas fehlt. Jeder kann Dinge nennen, die ihm fehlen, deren Verlust er oder sie bedauert. Aber wer kennt noch das Verb ‚fehlen‘ in seiner aktiven Bedeutung? Dass der Mensch aktiv fehlen kann, dass er fehlgehen kann – diese Bedeutung ist beinahe schon verloren gegangen. Ich ‚fehle‘, wenn ich z. B. falsche Entscheidungen treffe, das Verkehrte tue oder da, wo es nötig ist, nichts tue und schweige. Die aktive Wortbedeutung von ‚fehlen‘ stellt die Frage nach meinem Anteil, meiner Verantwortung für mein Tun und Lassen. Wie ich mich in etwas habe verstricken lassen. Stößt mich jemand darauf, wehre ich mich sofort. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass ich die Folgen meines Tuns zu verantworten habe und mich nicht einfach selber freisprechen kann.

Als Mensch ‚fehle‘ ich, auch wenn ich es nicht will. Schnell spreche ich lieber von einer Verkettung von Umständen, von Sachzwängen, die ich nicht vermeiden kann. Aber wenn ich ehrlich bin, kann ich Gott nicht reinen Herzens danken für alle guten Gaben, wenn ich nicht zugleich Gottes eine Welt mit bedenke, dass nämlich mein Wohlstand hier auf der Nordhalbkugel auch auf der Not der Menschen der Südhalbkugel aufgebaut ist. Dass mein freies Autofahren als freier Bürger das Klima belastet. Dass mein billiges Hackfleisch auf dem Teller mit dem Tierwohl teuer erkauft wird. Ich bin verstrickt in die Folgen unseres Tuns.

Diese Verstrickung, das nennt die Bibel Sünde. Sünde hat nichts mit Moral zu tun, auch wenn viele meinen, wer über Sünde rede, sei ein Moralist. Wenn in der Bibel von Sünde gesprochen wird, sind nicht meine kleinen oder großen moralischen Sünden und einzelne Fehler gemeint, sondern: Dass ich nicht von mir denken mag, ein Sünder zu sein. Dass ich meine Verstrickung nicht wahrhaben will, sondern meine, ich sei doch Gott nahe und eigentlich ganz okay: ‚Zugegeben, nicht immer tue ich das Richtige, aber ich meine doch das Richtige und Gute in meinem Herzen.‘

Der Liederdichter Armin Juhre hat deshalb in einem Gedicht vom selbstbedachten Ich geschrieben. Das auf sich selbst bedachte Ich ist immer daran interessiert, sich selber zu rechtfertigen – vor sich selbst, vor anderen, vor Gott. Es strebt danach, moralisch möglichst gut dazustehen. Es ist auf sich selbst bedacht. Deshalb fällt es ihm schwer, sich von seiner Selbstbezogenheit befreien zu lassen. Es entdeckt immer den Splitter im Auge des anderen – und sieht nicht den Balken im eigenen Auge. ‚Wovon soll ich denn frei werden‘, sagt es sich, ‚ich bin doch frei, oder?‘ Jeder weiß es ja selbst am besten: Von meinen Selbstrechtfertigungen kann ich mich nur befreien lassen. Könnte ich das selbst, wäre es doch nur wieder genau das – eine Selbstrechtfertigung.

Ich gehe dafür in den Gottesdienst. Nicht nur deswegen, aber auch. Morgen in der Kirche, mit den Menschen dort, kann ich dieselbe Sehnsucht nach Befreiung meines selbstbedachten Ichs teilen. Jedes Mal, wenn mir das aufgeht, stimme ich gerne ein, singe mit anderen und rufe zu Gott: Kyrie eleison, Herr, erbarme dich. Ich bitte um Gottes Erbarmen, damit ich von meinen auf mich selbst bedachten Gedanken befreit werde. Damit sich meine Gedanken über mich selbst ändern können. Damit ich zum Beispiel die Angst sehen kann, von der ich mich antreiben lasse, andere von oben herab zu behandeln. Ich halte inne und erkenne, dass ich vor allem mich selber schützen will, manchmal ohne Rücksicht auf Verluste.

Solche Momente des Innehaltens sind nicht schmerzfrei. Aber sie tun mir gut. Weil sie mir helfen, dass mein Denken eine andere Richtung nehmen kann. So dass andere Menschen dabei in den Blick kommen, für die ich um Gottes Erbarmen bitte und für die ich etwas tun kann; beides ist wichtig. Den Weg des Friedens gehen, auf andere zugehen, verändert nicht nur mich und mein Ich.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

03.01.2019
Eberhard Hadem