Welches Wissen ist Macht?

Morgenandacht
Welches Wissen ist Macht?
20.02.2019 06:35
03.01.2019
Annette Bassler
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„Kinder, lernt was. Denn Wissen ist Macht!“ Mein Vater war mit Lebensweisheiten sparsam, aber diesen Satz hat er uns eindringlich mitgegeben.

Egal, was wir gemacht haben, wofür wir uns interessiert oder engagiert haben, Hauptsache, wir haben was gelernt. Denn Wissen ist Macht! Vielleicht war meinem Vater das auch deshalb so wichtig, weil er nicht lernen durfte. Und das hat ihn bis ins Alter eingeholt. Als Sohn einfacher Leute war der Besuch eines Gymnasiums für ihn außerhalb jeglicher Reichweite. Und weil seine Mutter früh gestorben war, musste er auf dem Feld helfen. Dann kam der Krieg. Nach dem Krieg hat er sich als Beamter hochgearbeitet. Er war gut, aber wurde irgendwann nicht mehr befördert. Weil er kein Abitur hatte.

„Wissen ist Macht!“ Der Satz stammt übrigens von Francis Bacon, einem Philosophen aus dem 16. Jahrhundert. Die Sozialdemokraten unter Willy Brandt haben daraus Bildungspolitik gemacht. Frei nach dem Sozialistenlied: „Des Geistes Licht, des Wissens Macht, dem ganzen Volke sei's gegeben!“

Und so durfte in meiner Generation jede studieren, die das Zeug dazu hatte. Heute ist Bildung so selbstverständlich, dass viele Eltern glauben, sie hätten versagt, wenn ihre Kinder nicht studieren wollen oder können. Eine Freundin hat lange damit gerungen, dass ihr Sohn trotz guter Noten das Gymnasium verlassen wollte. Er wollte eine Schreinerlehre anfangen. Sie dachte, er hätte ein Lernproblem. Dabei war Holz einfach nur seine Leidenschaft.

Wissen ist Macht! Aber von welcher Macht sprechen wir, wenn wir Wissen und Bildung damit verknüpfen? Die Macht, viel Geld verdienen zu können? Die Macht, als Chef über andere bestimmen zu können?

In der Bibel gibt es nur eine Geschichte, die von Jesus als Kind erzählt. Sie versucht darauf eine Antwort. Der 12-jährige Jesus ist mit seinen Eltern zum Passahfest nach Jerusalem gepilgert. Auf dem Rückweg nach Nazareth merken die Eltern, dass Jesus verschwunden ist. Drei Tage suchen sie ihn im Gedränge der Pilger und finden ihn schließlich im Jerusalemer Tempel. Schier verrückt vor Sorge fahren sie ihn an: Wie konntest du uns das antun! Jesus aber entschuldigt sich nicht. Er antwortet mit einer Frage: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters im Himmel sein muss!

Ich glaube, so einen Moment wünschen sich keine Eltern. Da hat der Vater ein gutgehendes Bauunternehmen. Das sollte Jesus als ältester Sohn übernehmen. Gute Ausbildung, gutes Einkommen.

Aber für Jesus muss als Kind schon klar gewesen sein, dass er nicht in die Fußstapfen seines irdischen Vaters tritt, sondern seiner inneren Stimme folgt, dem Ruf seines himmlischen Vaters. Dass er keine Häuser bauen wird, sondern Wanderprediger werden wird – ohne festen Wohnsitz.

Und wir? Welches Wissen, welche Macht wollen wir haben? Was wünschen wir unseren Kindern?

In einer Zeit, in der wir alles Faktenwissen googeln können? In einer Zeit, in der selbstfahrende Autos, Pflegeroboter und künstliche Intelligenz viel von unserer Arbeit übernehmen wird? Was sollen unsere Kinder lernen?

Der Verstandsvorsitzende der chinesischen Suchmaschine Alibaba, Jack Ma, hat vor kurzem in einem Interview gesagt: Kinder sollen heute vor allem eins lernen: Sie sollen lernen, Werte und Überzeugungen zu haben. Sie sollen lernen, unabhängig denken zu können. Sie sollen Mitgefühl lernen und Freude an Teamarbeit. Und um all das zu entwickeln seien die wichtigsten Unterrichtsfächer: Sport, Musik und Kunst.

Dieses Wissen, so Jack Ma, ist heute Macht. Es ist die Macht, die uns von Maschinen unterscheidet. Und es ist die Macht, über Maschinen herrschen zu können. Mit Werten und Mitgefühl, mit Kreativität und Hingabe.

Oder christlich gesprochen: lernen, der inneren Stimme und dem Ruf zu folgen. Einen Ort zu haben, wo man hingehört. Heimat im Haus des himmlischen Vaters.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

03.01.2019
Annette Bassler