Wir haben die Wahl!

Morgenandacht
Wir haben die Wahl!
19.02.2019 06:35
03.01.2019
Annette Bassler
Sendung zum Nachhören
Sendung zum Nachlesen

Meine Herren und Damen!

Das waren die ersten Worte einer Frau im deutschen Parlament. Heute vor 100 Jahren begrüßte Marie Juchacz die Anwesenden mit: Meine Herren und Damen! Weiter kam sie erst mal nicht. Dann ist der Plenarsaal in schallendes Gelächter ausgebrochen. Damen??

Genau! Zum ersten Mal saßen 34 Damen – also weibliche Abgeordnete – im männlich dominierten Parlament. Weil einen Monat vorher, im Januar 1919, die deutschen Frauen zum ersten Mal wählen durften, was 82% von ihnen gemacht haben. Als die SPD- Abgeordnete Marie Juchacz in deren Namen das Wort ergreift, stellt sie erst einmal klar: Keinesfalls seien die deutschen Frauen dieser Regierung zu Dank verpflichtet. Weil es die Revolution war, der sie das Wahlrecht verdanken.

„Was diese Regierung getan hat,“ so Marie Juchacz, „das war eine Selbstverständlichkeit. Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

Das empfanden viele Parlamentarier als so ungehörig, dass der Sitzungspräsident während ihrer Rede mehrmals die Glocke schwingen und um Ruhe bitten musste. Die Damen im Parlament wollten sich um das kümmern, was bisher sträflich vernachlässigt worden ist: Um eine Rente für die kriegsversehrten Soldaten des ersten Weltkriegs, Witwen- und Waisenrente, Suppenküchen, Heimarbeitsplätze für alleinerziehende Mütter.

Seit 100 Jahren dürfen wir Frauen nun das öffentliche, das politische Leben mitgestalten. Das ist nicht viel, gemessen an der langen Zeit, in der Frauen sich ausschließlich ums Private gekümmert haben. Um Haus und Hof, um Familiengesundheit und Familienharmonie. Das Ganze immer in kompletter wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Mann, oft auch Abhängigkeit von seinem guten Willen.

Zum Glück ist das heute anders. Frauen sollen das öffentliche und politische Leben mitgestalten, so das Gesetz. Warum ist das so wichtig?

Eine Grundregel christlichen Zusammenlebens lautet: „Dienet einander“, und zwar mit den Gaben, die ihr empfangen habt.

Ich glaube, Frauen haben Gaben und Fähigkeiten, die im politischen Leben wichtig sind. Eine davon ist die Fähigkeit, mit Ohnmacht umgehen zu können. Frauen haben über Generationen gelernt, wie man sein Ziel erreicht, auch wenn man keine Lobby hat und nicht mit Raketen und Soldaten drohen kann.

In der Bibel gibt es dazu eine Geschichte. Die Geschichte einer Witwe, der Unrecht geschehen ist. Und weil damals der Richter am Stadttor Recht gesprochen hat, geht sie dort hin und fordert von ihm ihr Recht – in aller Öffentlichkeit. Das durfte sie eigentlich gar nicht. Eine Frau war keine Rechtsperson, sie musste einen Mann haben für eine Gerichtsverhandlung. Hatte sie aber nicht. Und auch kein Geld, um den Richter zu bestechen.

Was macht sie?

Sie klagt dem Richter ihr Problem, teilt ihm ihre Empörung mit. Und der Richter – behandelt sie erst mal wie Luft. Aber sie kommt wieder. Jeden Tag. Wieder und wieder klagt sie laut und öffentlich. Sie schimpft und klagt und nervt.

Am Ende bekommt sie doch ihr Recht. Warum? Nicht etwa, weil sie den Richter überzeugt hätte. Der Richter wollte einfach nur seine Ruhe haben. Und er hat gefürchtet, sie könnte ihm eines Tages eine Ohrfeige verpassen. In aller Öffentlichkeit und das wäre ja eine Blamage gewesen.

Jesus hat gesagt: So wie diese Frau, so sollt ihr kämpfen, so sollt ihr sogar Gott bestürmen mit euren Anliegen. Und sogar Gott wird sich davon erweichen lassen.

Dienet einander! Ich glaube, unserem Land wäre sehr gedient, wenn diese Strategien des gewaltlosen Widerstandes öfters praktiziert würden. Nicht drohen, sondern vielleicht nur eine Augenbraue hochziehen, wenn selbstgefällige Potentaten sich selber lächerlich machen. Sich nicht zu schade sein, immer wieder zu kommen, mit seinem Anliegen zu nerven.

Heute vor hundert Jahren hat Marie Juchacz damit angefangen. War nicht beleidigt, als die Parlamentarier bei ihrer Rede über sie lachten. Sondern hat sich an ihre Mission gemacht: sich um die Ärmsten zu kümmern.

Dienen eben. Nicht herrschen.

 

Es gilt das gesprochene Wort

03.01.2019
Annette Bassler