Der Unfall

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„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ hat der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber gesagt. Das gilt auf besondere Weise, wenn etwas Schlimmes geschehen ist. Im wahrsten Sinn des Wortes ist es notwendig, wenn dann jemand an unserer Seite ist.

 

So hat es Stefan erlebt. Er befindet sich mit seinem Auto auf dem Heimweg, als auf einmal direkt vor ihm ein Wagen aus einer Parklücke schießt. Stefan versucht noch auszuweichen, aber zu spät.

 

Im ersten Augenblick sitzt er hinter dem Steuer wie erstarrt. Was ist passiert? Gott sei Dank, er kann alle seine Glieder bewegen. Stefan atmet tief durch. Der andere Wagen sieht nicht gut aus. Mit zitternden Knien steigt er aus. Er stellt das Warndreieck auf, wählt den Notruf. Die Fahrerin des anderen Wagens ist regungslos über das Lenkrad gebeugt. Völlig unmöglich, die Fahrertür zu öffnen. Dann versucht er es über die Beifahrertür. Als er die junge Frau anspricht, hört er nur ein Stöhnen. Von weitem hört er die Sirene und dann sind die Rettungskräfte schon da. Einer schiebt ihn zur Seite und beugt sich in den Unfallwagen. Wie verloren steht Stefan daneben, fängt am ganzen Körper an zu zittern. Das ist doch alles nicht wahr! Gleich wird er aufwachen aus diesem Albtraum!

 

Einer der Rettungssanitäter kommt auf ihn zu, schaut ihn prüfend an. „Sind Sie verletzt?“ Als Stefan den Kopf schüttelt, nimmt er ihn am Arm. „Kommen Sie mal mit, wir gehen mal zur Seite.“ Er führt ihn zum Rettungswagen und sie setzen sich nebeneinander auf die Einstiegstufen. Der Rettungssanitäter legt eine Decke um ihn. Stefan kann kaum sprechen, sein Mund ist auf einmal so trocken. „Haben Sie vielleicht Wasser für mich?“ Der Sanitäter schüttelt den Kopf. „Nein, aber irgendwo habe ich noch eine Cola.“ Er sucht in seinem Rucksack und drückt sie Stefan in die Hand. Die Flüssigkeit tut seiner ausgetrockneten Kehle gut. Schweigend sitzen sie nun nebeneinander. Als seine Kollegen die Trage mit der verletzten Frau in den Rettungswagen schieben, steht der Rettungssanitäter auf. „Das wird wieder! Passen Sie auf sich auf und nehmen Sie sich ein Taxi nach Hause“, sagt er noch und drückt ihm die Hand zum Abschied.

 

Am Abend geht Stefan so vieles durch den Kopf: Hätte er den Unfall verhindern können? Wie es der jungen Frau wohl geht? Morgen wird er als erstes im Krankenhaus anrufen. Dann steht das Bild des Sanitäters vor seinen Augen, der ihn in dieser schlimmen Stunde nicht allein gelassen hat. Mag sein, dass dies für seinen unbekannten Helfer völlig selbstverständlich war. Und doch wird Stefan ihm das nie vergessen.

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