Ein halbes Jahr Tränen

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Ein halbes Jahr Tränen, sagt er. Die schlimmste Zeit meines Lebens. Sie liegt sechzehn Jahre zurück. So alt ist sein Sohn, der behinderte Sohn. Damals kam er zur Welt. Oder fast gar nicht. Seine Mutter starb bei der Geburt. Sein Vater wäre fast irrsinnig geworden. Es ging und ging nicht voran. Der Vater wurde aus dem Kreißsaal geschickt, wegen Komplikationen. Erst viele Stunden später sagte man ihm, was genau geschehen ist. Ein behindertes Kind, eine tote Mutter. Was folgte, war ein halbes Jahr Tränen.

 

Dann habe ich es angenommen, sagt der Vater heute. Nein, das stimmt nicht, sagt er. Erst habe ich es hingenommen. Einfach hingenommen. So ist es also. Kein Glück, aber auch kein Unglück mehr. Es musste getan werden, was dran war. Das lenkt ab. Frühförderung, Gespräche im Kindergarten, Schule und all das. Kampf war immer, mal mehr, mal weniger. Ich bin da hineingewachsen, sagt der Vater heute. Ich bin in den Problemen groß geworden, wie mein Sohn groß wurde. Jetzt geht er schlecht, spricht nicht gut, liebt aber das Leben. Ich auch, sagt der Vater. Ich liebe meinen Sohn, den ganz anderen. Er sieht alles, er fühlt alles, er macht mich stark mit seiner Schwäche. Nicht mehr Hinnehmen; Annehmen, sagt der Vater. Aus der Last wurde ein Leben und wurde Glück, allmählich.

 

Jetzt steigen sie in einen Bus. Steigen geht aber nicht. Der Vater packt seinen Sohn unter den Armen und hebt ihn hinein. Der Fahrer des Busses kommt gelaufen und packt mit an. Der Sohn lacht laut. Große Momente sind das, sagt der Vater und reibt sich die Hände. Einer kommt und packt mit an. Mit Worten oder mit Händen. Er dankt dem Busfahrer und schubst seinen Sohn auf einen Platz. Hinfallen ist leichter als Aufstehen, sagt der Vater und lacht. Sein Sohn plumpst auf den Sitz. Der Vater setzt sich daneben. Ein halbes Jahr Tränen. Dann wachsen ins Unvermeidliche. Wenn es gelingt, ist es Gnade, sagt der Vater. Sie haben nichts vor heute. Sie wollen nur Lichter sehen; Lichter der Stadt. Bunte Adventslichter. Dann Weihnachtsmarkt. Noch mehr Licht. Der Sohn liebt die Lichter. Der Vater liebt sie für ihn mit. Und Gott liebt die Tapferen. Auch wenn sie weinen. Und dann ihre Lasten zu Glück werden.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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