Fremde Glaubenssprachen

Wort zum Tage
Fremde Glaubenssprachen
19.06.2021 - 06:20
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Meine erste Griechenland-Reise im Sommer vor einigen Jahren, auf Paros. An einem Sonntag besuche ich die orthodoxe Kirche im Dorf; es ist gerade Gottesdienst. Einige Gläubige sind da, sie stehen die meiste Zeit. Hinten sind Ikonen aufgestellt, Bilder von Maria und Christus. Menschen kommen, küssen die Ikonen, bekreuzigen sich und gehen wieder. Ein Priester in prächtigen Kleidern mit langem Bart bleibt von diesem Kommen und Gehen unberührt. Er singt, betet, umkreist den Altar, verschwindet wieder hinter einer Wand von Ikonen. Dabei rasselt das Rauchfass in seiner Hand, der ganze Raum duftet. Eine Gruppe von Männern singt verschiedene Verse. Das Ganze klingt sehr innig.
Was da gesprochen wird, was die Gesänge und Gänge des Priesters bedeuten, verstehe ich nicht. Aber ich spüre viel: Ernsthaftigkeit und Liebe zum Heiligen, zum Mysterium, zum Unbegreiflichen. Ja, die Sprache der orthodoxen Liturgie ist ganz auf das Heilige ausgerichtet.  
Später lese ich nach und erfahre: Alle einzelnen Riten und Symbole bedeuten etwas Besonderes. Man muss diese Symbolsprache kennen lernen, einüben, wahrscheinlich über Jahre, und man hat wohl nie ausgelernt. 
Als ich Jahre später wieder einmal einen orthodoxen Gottesdienst besuche, verstehe ich schon etwas mehr. Jedes erkannte Wort, jede Wendung ist jetzt ein kleines Erfolgserlebnis.  
Bei religiöser und besonders bei liturgischer Sprache geht es immer auch um ein Gefühl: sich zugehörig fühlen - zu einer Gemeinde, zu einer Kirche, zu einer religiösen Tradition. 
In den orthodoxen Gottesdiensten habe ich gespürt: Hier gehöre ich nicht dazu. Doch gleichzeitig zieht mich etwas an: Das Heilige, das Fremde, es reizt mich, diese fremde Sprache ein wenig kennen zu lernen. 
In meiner evangelischen Tradition ist es wichtig, verständlich zu sprechen; Martin Luther empfiehlt: den Leuten „aufs Maul schauen“. Aber dabei ist Luther gleichzeitig überzeugt: Die alten Sprachen, Traditionen und Liturgien soll man wertschätzen. Und vor allem: Nicht das eine gegen das andere ausspielen! Gott ist immer auch der Fremde, den ich nicht verstehe, der Verborgene, den ich nicht, noch nicht kenne. Daran erinnern mich orthodoxe Gottesdienste und andere christliche Traditionen, die ich nicht verstehe. Gott kann ganz anders sein, als ich sie mir vorstelle, reicher und vielfältiger. Unsere Wege zu ihr und unsere Weisen, ihn zu feiern, sind es auf jeden Fall. 
 

Es gilt das gesprochene Wort.