Kreativer Zweifel

Wort zum Tage
Kreativer Zweifel
15.03.2019 06:20
07.02.2019
Melitta Müller-Hansen
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„Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat!“

„Niemand füllt jungen Wein in alte Schläuche. Denn sonst zerreißt der Wein die Schläuche. Wein und Schläuche gehen dann verloren. Neuer Wein gehört in neue Schläuche!“

Zwei legendäre Aussprüche Jesu. Entstanden in Streitgesprächen mit Pharisäern, mit Vertretern seiner eigenen Religion. Paradebeispiele für kreativen, produktiven Zweifel, der Gesetze, Abläufe, Traditionen und Riten abklopft auf ihre Gültigkeit. Wie viel Leben, wie viel Sinn steckt da noch drin? Sind sie noch Begegnungsräume zwischen Gott und Mensch?

Irrtümlicherweise haben wir in den christlichen Kirchen über Jahrhunderte so getan, als sei das allein das Problem der Pharisäer und des Judentums. Man hat sich in Predigten und Andachten daran ergötzt, deren Gesetzesfrömmigkeit bis ins Lächerliche zu überzeichnen. Der gute Jesus und die bösen Pharisäer: Hier das Neue, Christliche, dort das alte überholte Jüdische – und dann stand man mit beiden Beinen tief im Anitjudaismus drin.

Es ist viel grundsätzlicher. Die Streitgespräche Jesu ermutigen dazu, das eigene System auf Lebendigkeit und Gültigkeit hin abzuklopfen. Das eigene System Kirche und auch die anderen Institutionen, mit denen wir leben. Nicht um sie abzuschaffen, sondern um sie mit neuen Erkenntnissen zu füllen. Was wäre, wenn Martin Luther nicht am Ablasshandel gezweifelt hätte? Dietrich Bonhoeffer nicht am Nationalsozialismus? Nelson und Winnie Mandela nicht an der Apartheid? Die „Black Lives Matter“- Bewegung nicht an der Politik des amtierenden Präsidenten der USA? Oder Albert Einstein nicht am damaligen Stand der Wissenschaft? Ohne den Zweifel würde es keinerlei spirituelle Erkenntnisse, keinen politischen, sozialen oder wissenschaftlichen Fortschritt geben.

Dem Zweifel im Haus meines Denkens einen Platz einräumen, rät Marion Küstenmacher. Und dazu regt Jesus in seinen Streitgesprächen mich an. Mehr noch. Den Zweifel zu loben, denn er macht mich wach, hilft mir, den Dingen auf den Grund zu gehen und mein Vertrauen nicht an windige Sachen zu binden.

Was sehe ich kritisch?

Was überzeugt mich?

Woran glaube ich definitiv nicht mehr? Und was habe ich stattdessen herausgefunden?

Martin Luther King war in dieser Hinsicht ein vorbildlicher Zweifler. Zweifelnd am Rassengesetz Amerikas hat er einen großen Traum geträumt für beide – für die Rassisten und für ihre Opfer.

Ja, wie gut, dem Zweifel im Haus des eigenen Denkens großzügig Platz einzuräumen. Ich zweifle, also bin ich.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

07.02.2019
Melitta Müller-Hansen