Meine Kirche, meine Geschichte, mein Zuhause

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Wir haben Jubelkonfirmation gefeiert. Die Goldenen, Diamantenen und Eisernen Konfirmandinnen und Konfirmanden sind vor fünfzig, vor sechzig oder vor fünfundsechzig Jahren in unserer alten Dorfkirche konfirmiert worden. Einige waren bei der Segnung und beim Abendmahl spürbar berührt, anderen ist der Gottesdienst sichtlich fremd geworden. Gekommen sind viele, auch um die alten Freundinnen und Freunde wiederzusehen. Nun werden sie noch eine Weile zusammen sein, Geschichten erzählen, an alte Beziehungen anknüpfen.

Ich komme, den Talar über dem Arm, aus der Sakristei. Vorne in der zweiten Bankreihe sitzt noch einer der Eisernen Konfirmanden. Er ist für diesen Gottesdienst viele hundert Kilometer hierher gereist. Ich setze mich neben ihn. In seinen Augen glänzen ein paar Tränen. Für einen Moment sitzen wir schweigend da. Dann spricht er: „Wissen Sie, Frau Pastor, in dieser Kirche haben meine Vorfahren über viele Generationen ihre Kinder getauft und konfirmiert. Hier haben sie geheiratet. Hier stand ihr Sarg und hier um die Kirche sind ihre Gräber. Meine ganze Familie, Mutters und Vaters Seite, kommt aus diesem Dorf, schon seit Jahrhunderten.“ Kurz vor dem Bau der Mauer ist er in den Westen gegangen. Unfreiheit, Zwangskollektivierung, Denkvorschriften. Das hat er nicht ertragen. Er hat „Drüben“ geheiratet, Kinder bekommen, ein Haus gebaut. „Meine Heimat ist immer noch hier!“ sagt er. „Und diese Kirche hat meinen Vorfahren so viel bedeutet.“ Wieder hält er inne. „Mein Vater ist damals aus der Gefangenschaft gekommen, halb verhungert und nur noch in Lumpen gekleidet. Später hat er gesagt: ‘Als ich unseren Kirchturm gesehen habe, wusste ich: Jetzt wird alles gut. Ich bin wieder zuhause.‘„ Er holt ein großes Männertaschentuch aus der Tasche und putzt sich die Nase. „Ich bin so froh, dass mein Sohn mich hierher gefahren hat. Da kann ich ihm wenigstens noch mal meine Kirche zeigen und ihm erzählen, wie viele Generationen vor ihm schon in diesen Kirchenbänken gesessen haben. Unser Platz war übrigens da oben auf der Empore.“ Er zeigt hinauf. „Damals war da ein kleines Schild. Da stand unser Name drauf.“

„Diese Kirche atmet Geschichte,“ sagt er, „auch meine ganz persönliche. Wenn ich hier sitze, kann ich spüren, dass ich Teil einer großen Familie bin. Sie alle haben Kraft zum Leben aus dem Glauben bekommen. Das habe ich von meinen Eltern gelernt. Und ich habe mich bemüht, den Glauben meinen Kindern weiterzugeben, denn Gott geht von Generation zu Generation mit uns.“

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