NiemandsLand

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Es ist atemberaubend, wie rasch die Preise für Grundstücke in die Höhe schnellen. Gerade in den großen Städten wird Land immer kostbarer. Umso erstaunlicher finde ich die Initiative von zwei benachbarten Berliner Kirchengemeinden, sich gemeinsam 1.000 Quadratmeter Brachland zu pachten, um dort einen Garten anzulegen.

Früher wurde dieses Grundstück von einem Friedhof für Bestattungen genutzt. Als 1961 die Berliner Mauer die Stadt durchtrennte, verlief die Grenze genau über diesen Streifen, der gewaltsam vom Friedhof abgetrennt wurde. Angehörigen wurde der Zugang zu ihren Gräbern verwehrt. Die Grabstellen wurden entfernt und dem Erdboden gleich gemacht. Signalleitungen und Stacheldraht spannten sich über den verwundeten Gottesacker. Über den einstigen Grabstellen wurde die Mauer gebaut. Reste von ihr sind immer noch da, sie stehen heute unter Denkmalschutz und begrenzen auf 100 Metern unseren Garten nach Südosten.

Ich frage mich manchmal, was mit so einem Stück Land geschehen ist. Speicherte es vielleicht die Erinnerungen an jene, die hier an den Gräbern weinten? Fühlte es die Sehnsuchtswünsche derer, die sich über die Mauer hinweg zuwinkten – wo doch selbst das Winken verboten war? Spürte das Land die Blicke der jungen Grenzsoldaten, die vom nahen Wachturm aus ständig den Friedhof und die Wohnstraße dahinter beobachten mussten?

Was geschieht mit einem Erdboden, den 28 Jahre lang niemand betreten darf? Und der nun, weitere 28 Jahre nach dem Umsturz der Mauer, immer noch brach gelegen hat? Denn der Friedhof bekam damals sein missbrauchtes Grundstück zwar zurück. Aber für die ohnehin weniger werdenden Bestattungen wurde dieses Land nicht mehr gebraucht.

Es ist ein Glücksfall, dass die beiden hier am Friedhof angrenzenden Kirchengemeinden angefangen haben zu gärtnern. Die eine gehört zum West-Berliner Wedding, mit seiner multikulturellen Bevölkerung. Die andere zum heute gut situierten Berlin-Mitte. In den Garten kommen alle aus den beiden benachbarten Kiezen: Vertraute und Fremde, alte Nachbarn und neu Zugezogene. Immer wenn jemand vom Gartenteam da ist, wird die Gartenpforte auch für Interessierte und Besucher geöffnet.

Dem Stück Grenzland, auf das einst Waffen gerichtet waren, gaben die damals hier getrennten Gemeinden einen sprechenden Namen. Es sollte nicht dieser oder jener Seite gehören. So nennen sie es „Niemands Land“. Erblühen soll es allen, die daran vorbeikommen, und berührt werden von seiner Geschichte.

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