Das Wort zum Sonntag

Pfarrer Benedikt Welter

Köpfe

 

Einen guten späten Abend, verehrte Damen und Herren.

 

Es ist wohl der berühmteste Männerkopf mit ganz vielen Haaren im Gesicht.

Und wohl auch der Kopf, der am häufigsten in Bronze und Beton gegossen wurde.

Der von Karl Marx.

Heute an seinem 200. Geburtstag, wird in seiner Geburtsstadt Trier ein neues Denkmal enthüllt, ein Geschenk aus China.  

Karl Marx - ein nach wie vor umstrittener Männerkopf. Weniger wegen der vielen Haare im Gesicht. Mehr wegen seiner Gedanken. Und vielleicht noch ein bisschen mehr wegen dem, was andere nach ihm aus diesen Gedanken gemacht haben.

 

Wie Gedanken gedacht werden, ist wichtig. Wie sie weiterverwendet werden, ist das Entscheidende. Das klingt ein bisschen wie von Karl Marx, ist aber von mir.

Ja – es sind herausragende Analysen, die Marx und sein Freund Friedrich Engels aufgeschrieben haben. Sie haben die gewaltigen Veränderungen beobachtet und auseinandergenommen, die die Welt im 19. Jahrhundert umgestürzt haben. Mit der Industrialisierung war eine ganz neue gesellschaftliche Schicht oder „Klasse“ entstanden. Marx hat sie „das Proletariat“ genannt: die Fabrikarbeiter und –arbeiterinnen, die unter teilweise unmenschlichen Bedingungen arbeiten und vor allem leben mussten.

Für Marx stand fest: daran muss sich etwas ändern. Eine ganz andere gesellschaftliche Ordnung muss her.

 

Marx spricht vom Neuen Menschen. Bis der Neue Mensch dasteht, muss notwendigerweise viel Blut fließen; erst der endgültige Sieg des Proletariats wird ihn hervorbringen. Klar: dazu braucht es eine Weltrevolution. Meinte der Philosoph aus Trier.

 

Das mit dem Neuen Menschen hat Marx aus der Bibel geklaut.

Aber in der Bibel entsteht der Neue Mensch weder durch Kampf noch durch Selbstoptimierung. Und auch nicht dadurch, dass alle Werte gewaltsam umgestürzt werden. In der Bibel ist der Neue Mensch Gottes Geschenk an den Menschen. „Ihr seid eine neue Schöpfung“, sagt Paulus.

Dafür steht ein anderer Mann, der übrigens auch oft mit Haaren im Gesicht dargestellt wird. Der ist am Kreuz gestorben. Und zugleich hat Gott ihm neues Leben geschenkt. Auferstehung nennen wir das. Neues Leben.

 Ein neues Leben, das Gott für jeden Menschen bereit hält!

Jesus war kein Wirtschaftsjunkie, kein Proletarier, kein Bourgeois. Er war ein jüdischer Wanderprediger und – für mich - Gottes Sohn.

Gott selbst,  heruntergekommen von ganz ganz oben nach ganz ganz unten.

Der Neue Mensch. Da gilt jeder einzelne Mensch und nicht das Kollektiv.

Der Neue Mensch. Da bewahrt der Glaube an Gott davor, sich selbst als Mensch ständig neu erfinden zu müssen.

Oder dass er sich das Paradies selbst erschaffen muss.

Ein Ergebnis solcher selbstgemachten Paradiese sehen wir im 20. Jahrhundert: in Konzentrationslagern oder in Archipel Gulags.

 

Ich gratuliere Karl Marx zu seinem 200. Und ich wünsche unserer Zeit Köpfe – ob mit oder ohne Haare im Gesicht… - kluge Köpfe, die uns helfen, besser zu verstehen, was derzeit abgeht. Ich wünsche mir Köpfe, die lieber selber denken als auf kolossale Betonköpfe und Denkmale zu starren.

Ja, und ich wünsche mir etwas von dem Neuem Menschen, der Gottes Liebe immer mehr zutraut, als dem, was er oder sie selbst machen und selbst ausdenken kann. Wenn das nicht revolutionär ist.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und mir einen ruhig auch etwas revolutionären Sonntag.

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