Selig an der Theke?

Selig an der Theke?
Pastorin Annette Behnken
16.02.2019 23:35
02.01.2019
Annette Behnken

Als Studentin habe ich oft in Kneipen gejobbt - so echte Kneipen, wie sie sein müssen, mit abgenutzten Holzmöbeln, und die nach Bier und Pommes riechen und jeden Abend hängen dieselben Typen am Tresen. Das sind ja Orte, an denen es alles gibt. Jede und jeder hat da Platz: Die vier Typen am Tresen, die es erst nach dem siebten Bier zu Hause aushalten. Die Runde, die am Stammtisch Dampf ablassen muss. Der Mann, der darauf wartet, dass die Chemo anschlägt. Und die Frau, der gestern das Herz gebrochen wurde. Hier haben alle Platz: Gebrochene und Glückliche. Und darum sind Kneipen noch viel mehr: Sie sind Segensorte.

Segensorte: Da hätte auch Jesus gut reingepasst, dem ja vorgeworfen wurde, dass er ein Fresser und Weinsäufer gewesen sei. Damals gab es ja auch schon sowas wie Kneipen und Tavernen. Und da werden sie sich auch getummelt haben, so wie heute: Menschen mit ihren Geschichten.

Als ich Bier gezapft habe, haben sie sie mir erzählt, ihre Geschichten. Die Frau Ende sechzig, die immer noch auf die große Liebe wartet. Der dünne, kleine, dauernervöse Typ, der jeden Abend eine andere Frau abschleppt. Und der, der mir immer wieder erzählt hat, dass er mit dem Motorrad mit 200 Sachen durch die Stadt rast, weil ihm alles egal ist. Die junge Frau, die eben die Diagnose bekommen hat: Das ist Rheuma, was sie in den Knochen hat. Verdammt nochmal. Mit Anfang 20.

Kein Hochglanzleben, kein gelungenes Leben - nach den Maßstäben der Gesellschaft. Auch alles Andere als gesund und erstrebenswert. Aber trotz allem vielleicht ein gesegnetes Leben nach den Maßstäben Gottes. Weil der mit anderen Augen guckt. Der Fresser und Weinsäufer Jesus hat mit genau solchen gegessen und getrunken: mit den Traurigen und Gescheiterten. Und er hat sie gesegnet. Und für manche wird das Leben irgendwann wieder gut. Und für manche nicht.

Kneipen sind Segensorte, weil es hier okay ist, schräg, einsam, auch mal betrunken oder traurig zu sein. Weil ich mit meiner eigenen Brüchigkeit und Traurigkeit hier sein darf. Weil ich hier sehe und lerne: das ist unsere Sehnsucht, funktioniert aber eben oft nicht, dass alles im Leben super ist: Liebe, Arbeit, Gesundheit, Lebensglück. Das gibt es nur für Momente.

Kneipen sind Segensorte, weil es hier okay ist, dass das Leben eben so ist, wie es ist: Manchmal glücklich. Manchmal kaputt. Echtes Leben, jenseits bunt-glücklich -gefotoshopter Fassaden. Hier gibt es einen Platz, an dem ich in Ruhe den ganzen Abend in mein Bierglas gucken kann, wenn ich will. An dem jede und jeder sein darf. Jede und jeder ein Ebenbild Gottes, genau so, wie er oder sie ist. Wir brauchen das so sehr, dass uns einer so sieht: als Ebenbild des Göttlichen. Und das mit allem, was das Menschsein jetzt gerade ausmacht. Brüchiges. In den Augen Gottes: Gesegnet.

Gesegnete sind die, die uns zeigen, dass wir es brauchen, mit Augen der Nächstenliebe und Barmherzigkeit angeschaut zu werden - und wenn es nur ein kurzer Augenblick an der Theke ist. Ähnlich einem Lied aus meiner Kneipenzeit: Die in sich Verkrochenen, die Abgebrochenen, die Ausgegrenzten, die Gebückten - selig sind sie!

 

Das Wort zum Sonntag

Das Erste, Samstag, 16.02.2019, 23:35 Uhr

Pastorin Annette Behnken, Loccum

02.01.2019
Annette Behnken