Reinrassig?

Pfarrer i.R. Alfred Buß

Reinrassig?

Er ist Pfarrer wie ich, ein waschechter Sauerländer, und hört doch oft die Frage: Sie essen bestimmt kein Schweinefleisch? Ja, er hat einen dunklen Teint, schwarze Haare, Oberlippenbart. In der Türkei wurde er schon auf Türkisch angesprochen.

Es gibt offenbar Schubladen im Kopf, woher Menschen kommen und wohin sie gehören. Ich bin meistens Wikinger. Tja. Fehlen nur noch Helm und Hörner.

Das alles ist ja eher lustig. Wenn mit diesen Schubladen nicht Einordnungen daherkämen von minderwertig und höherwertig, von fremdartig und zugehörig, von „die“ und „wir“.

Auffällig vermeidet die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel solche Schubladen: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Erschaffen wird der Mensch - nur unterschieden in männlich und weiblich - Ebenbild Gottes, ausgestattet mit unverlierbarer Würde. Dass Menschen höchst unterschiedlich aussehen, spielt überhaupt keine Rolle.

Völlig anders wurde das, als man die bunte Völkerwelt einteilte in Rassen - mit all den bekannten Zuschreibungen von „die“ und „wir“. Das führte zu Kriegen, zu Kolonialismus und Sklaverei. Und mündete im furchtbaren Holocaust, in der Shoah, mit Millionen ermordeter Menschen.

Trotz alledem ist heute der Stolz auf die eigene Rasse wieder in. So mokierte man sich im Netz über das frühe Ausscheiden bei der WM: Eine deutsche Mannschaft müsse „reinrassig“ sein.

Im Internet begegnete mir auch das Projekt „My heritage“ - mein Erbgut. Wer bist du wirklich? werden da junge Leute gefragt, und zu einem DNA-Test eingeladen. Damit wird analysiert, aus welchen Ecken der Erde die lange Reihe ihrer Ahnen kam.

„Ich bin zu 100% Isländer, definitiv“, sagt da ein junger Mann, groß, kräftig und blond, und muss dann erfahren, dass seine Vorfahren aus Osteuropa stammten und aus Mittelmeerländern. „Wir sind die besten, das ist Fakt“, behauptet eine Französin. Sie mag keine Engländer. Dann zeigt ihre DNA eine britische Herkunft von 32%. Eine Kurdin hasst alles Türkische, vor allem die Regierung, und hat dann türkische Vorfahren. Und ein Kubaner wundert sich über seine Wurzeln in Skandinavien und Nordafrika. Alle entdecken: Jede und jeder hat viel mehr gemeinsam mit anderen Menschen auf der Welt, als sie nur ahnten. Wenn alle diesen Test machen würden, sagt die Französin später, wer wäre dann so dumm und würde noch an eine „reine Rasse“ glauben?

Das französische Parlament hat jetzt den Begriff „Rasse“ aus der Verfassung gestrichen.

Und die schwarz-weiß-arabische Nationalmannschaft Frankreichs wurde Weltmeister. Das Motto ihres Erfolgs: Unsere Unterschiede vereinen uns.

Aus solchem Geist lebten und handelten auch die frühen Christen. Wenn sie sich taufen ließen, trugen sie alle ein weißes Kleid. Und der Apostel Paulus schrieb dazu: “Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

 

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