Christine

Wort zum Tage
Christine
Geschichten von Obdachlosen
18.01.2019 06:20
06.12.2018
Barbara Manterfeld-Wormit
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Christine ist Jahrgang 1964. In Berlin-Neukölln wurde sie geboren. Die Ehe ging auseinander. Ihre Tochter lebt weit weg in der Schweiz. Sie lebt heute in einem Wohnheim für Wohnungslose. Wie kam es dazu?

Ja, ich bin von Kindheit an schon schwer psychisch krank, und da hab ick Anspruch uff ne Betreuung, weil ich mit den ganzen Sachen nicht mehr alleine klar komme. Ich hatte eigentlich einen Betreuer, der sich um alles kümmern sollte. Er hat sich aber nicht gekümmert. Deshalb bin ich hier gelandet.

 

Im Heim für Wohnungslose lebt man zusammen mit anderen. Die Unterbringung ist an bestimmte Bedingungen geknüpft:

Ich habe auch noch Tiere, die ich hier nich halten darf, und das macht mir schwer zu schaffen. Ne kleine Hündin und zwei Kater hab ich. Meine Katzen sind bei meiner Freundin und da tingel ich meistens alle zwei Tage los, hol meine Hündin ab und geh dann zu meiner Freundin zu die Katzen, damit ich die überhaupt seh, damit die sich nicht entfremden.

 

Wie sieht der Alltag aus?

Ja wie sieht det aus? Montags is Wäschetag. Dienstag is Tafel und dann mach ich auch noch ehrenamtlich det Bewohnercafé am Dienstag … jetzt is ja wieder die Notübernachtung offen. Da arbeite ich dann auch wieder ehrenamtlich, ja, ich versuch natürlich so viel wie möglich unter Menschen zu sein. Also nich den ganzen Tag alleine im Zimmer zu sitzen, weil det deprimiert, ja.

 

Christine will etwas tun. Dass die Armut in Deutschland so zunimmt, versteht sie nicht. Und dass alte Menschen in Mülleimern nach Pfandflaschen wühlen müssen, um die eigene schmale Rente aufzubessern, findet sie empörend. Berufstätig war Christine nie. Sie hat keinen Schulabschluss und keine Ausbildung. Sie träumt von einem Leben ganz woanders:

Na denn wär ick in der Schweiz bei meiner Tochter und bei meiner Enkelin. Weil über lange Sicht möchte ich dann doch wieder in die Schweiz zu meinem Mädchen. Nen Berufsabschluss brauch ick, damit ich mich in die Schweiz bewerben kann, denn ohne Arbeit lassen die keinen rein, aber det schleift allet, genau wie die Wohnungssuche schleift. Grauenvoll ist det, wenn man denn so auf der Stelle steht und auf andre angewiesen is.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

06.12.2018
Barbara Manterfeld-Wormit