Später sterbe ich gern

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Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch schreibt in seinem Tagebuch der Jahre 1946 – 49:

 

 Heute fragte Ursel, unsere Sechsjährige, mitten aus dem Spiel heraus, ob ich gern sterbe.

 „Alle Leute müssen sterben“, sagte ich hinter meiner Zeitung, „aber gern stirbt niemand“.

 Sie besinnt sich. „Ich sterbe gerne!“

 „Jetzt?“ sage ich. „Wirklich?“

 „Jetzt nicht, nein, jetzt nicht –“

 Ich lasse die Zeitung etwas sinken, um sie zu sehen, sie sitzt am Tisch, mischt Wasserfarben.

 „Aber später“, sagt sie und malt mit stiller Lust: „später sterbe ich gerne.“ (1)

 

Ich kann die sechsjährige Ursel gut verstehen, die ihrem kurzen Satz „Ich sterbe gern“ das Wörtchen „später“ hinzufügt. Später sterben alle Menschen gern. Wenn es doch nur immer ein „Später“ gäbe! Im Stillen denkt es jeder. Denn niemand kann sich mit letzter Konsequenz vorstellen, nicht mehr zu sein. Später – natürlich. Aber jetzt, heute?!

Ist das der Grund, warum die Menschen Alter, Krankheit und Tod oft beiseite schieben und verdrängen? Schon der Physiker und Philosoph Blaise Pascal erklärte: „Da es den Menschen nicht gelungen ist, den Tod abzuschaffen, haben sie beschlossen, nicht mehr an ihn zu denken.“

Mit dem Verdrängen von Leiden, Krankheit und Tod geht aber in der Gesellschaft eine Einbuße an Menschlichkeit und Menschenwürde einher. Das meint jedenfalls Max Frisch. Er sagt: Das Bewusstsein unserer Sterblichkeit sei ein köstliches Geschenk. Es mache unser Dasein erst menschlich. (2) Demnach wäre das Bewusstsein unserer Sterblichkeit so etwas wie ein Garant für die Menschlichkeit des Menschen? Der biblische Psalmsänger drückt es so aus:

 

Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,

auf dass wir klug werden. (Psalm 90,12)

 

Demnach hat die Klugheit oder Weisheit, die uns Menschen zuteil werden kann, etwas damit zu tun, dass wir unsere Lebensgrenze und Sterblichkeit bedenken. Denn sie erschließt uns Erfahrungen, die uns sonst verschlossen blieben.

Was aber würde es bedeuten, zu bedenken, dass wir sterben müssen?

Jemand hat es so ausgedrückt: Ich erwarte, dass ich nur einmal durch die Welt gehe. Deshalb will ich alles Gute, das ich tun kann, jetzt tun. Und jede Freundlichkeit, die ich einem Menschen erweisen kann, jetzt erweisen. Ich will es nicht verschieben und nicht übersehen, denn ich werde den gleichen Weg nicht zurückkommen.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

  1. Max Frisch, Tagebuch 1946–1949, Suhrkamp Quarto Frankfurt am Main 2008, S. 268f
  2. Max Frisch, a.a.O. S. 268

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