Für immer meins

Pastorin Annette Behnken

Advent. Der zweite. Morgen. Gehören Sie auch zu denen, die am liebsten fliehen wollen vor Keksen, Kerzen und Geschenkekauf? Oder mögen sie die Adventszeit? Ich mag das alles. Naja, fast alles. Ich freu mich auf morgen früh: Die zweite Kerze anzünden, ein Kaffee und Zeit. Morgen auch, um einen besonderen Moment zu feiern. Einen, der mir heilig ist. In dem etwas in die Welt kam, als sie verdammt dunkel war und sie wieder heller gemacht hat. Das war in Paris, mitten in der Nacht, zwei Tage vor dem zweiten Advent. Am 10. Dezember 1948. Drei Uhr nachts, als Eleanor Roosevelt, die Witwe des ehemaligen US-Präsidenten, verkündet: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Eine Antwort auf 60 Millionen Toten des 2. Weltkriegs. Die Erfahrung des puren Bösen. Als keiner mehr an das Gute glauben konnte. Eine Antwort auf den Aufschrei derer, die aus sogenannten rassischen, völkischen, politischen und religiösen Gründen gequält, gefoltert und ermordet wurden. Eine globale Vision, die der Welt ihre Seele zurückgab.

Und ausgerechnet die Kirchen, katholisch wie evangelisch, waren erstmal dagegen. Gerade von den Kirchen hätte ich erwartet, dass sie von Anfang an mit brennenden Herzen für die Menschenrechte eintreten. Gott sei Dank haben wir es dann irgendwann kapiert. Dass die Menschenrechte konkret machen, worum es uns geht, dass, jetzt mal mit christlichen Worten gesagt, jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Dass jeder Mensch Heiliges in sich trägt. Mit Würde gekrönt ist. Jeder Mensch.

Am Montag wird sie nun 70 Jahre alt, die Menschenrechtserklärung. Aber immer noch sind die Menschenrechte nicht selbstverständlich und müssen eingeklagt und verteidigt werden, immer wieder. Gerade jetzt. Wo wir europa- und weltweit auch wieder ringen müssen um freiheitliche Demokratien, um Meinungs- und Pressefreiheit, um das Recht auf Asyl.

„Die Menschenrechte fangen nicht in weit entfernten Ländern an, sondern ganz nah am eigenen zu Hause, an den kleinen Plätzen, die auf keiner Landkarte der Welt gefunden werden können“, sagte Eleanor Roosevelt.

Halten wir heilig, dass wir ein Recht auf eine freie und gerechte Welt haben. Dafür zünde ich morgen die zweite Kerze an. Für unser Recht auf Demokratie und freie Wahlen. Für Gewissens- und Religionsfreiheit. Für freie Meinungsäußerung. Halten wir es heilig, gerade jetzt im Advent, das Menschenrecht auf Freizeit und Erholung. Und, dass jede und jeder künstlerisch tätig sein und sich an Kunst erfreuen darf. Halten wir es heilig, das Recht auf Bildung für jede und jeden. Und halten wir es heilig: das Recht auf Asyl. Für all das zünde ich morgen die zweite Kerze an. Denn: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Wissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ Das ist mir heilig.

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