Auf der Schwelle.

Literarisches und Musikalisches zu Vergangenheit und Zukunft
Auf der Schwelle

Gemeinfrei via unsplash.com (Cristian Escobar)

Über die Sendung:

Man kann verschiedene Blicke zurück ins alte Jahr werfen oder voraus ins neue. Mit den Augen des römischen Schwellengottes Janus zum Beispiel. Oder mit denen von Johann Sebastian Bach. Oder auch denen von Marlene Dietrich.  

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Der Morgen des Ersten Januar hat seinen eigenen Reiz. Man atmet sozusagen eine unverbrauchte Luft. In ihr sind gute Vorsätze für das neue Jahr enthalten, sie ist gefüllt mit den unverbrauchten Möglichkeiten eines unverbrauchten Jahres. Das neue Jahr begrüßt einen so mit einem unverbrauchten Optimismus: Vielleicht erfüllen sich Pläne und langgehegte Wünsche; der Möglichkeiten in den nächsten 365 Tagen sind viele. Aber dann schleichen sich auch leise Zweifel ein, ob nicht doch alles so bleibt, wie es im letzten Jahr war, und ob nicht auch Schweres und Schwieriges auf uns wartet. Aber zunächst ist einmal dieser Morgen angebrochen, und er tut wohl. Niemand hat diese morgendliche Stimmung am Neujahrstag besser beschrieben als Eduard Mörike:

 

Wie heimlicher Weise

Ein Engelein leise

Mit rosigen Füßen

Die Erde betritt,

So nahte der Morgen.

Jauchzt ihm, Ihr Frommen,

Ein heilig Willkommen,

Ein heilig Willkomen!

Herz, jauchze du mit!

 

In ihm sei’s begonnen,

Der Monde und Sonnen

An blauen Gezelten

des Himmels bewegt.

Du, Vater, du rate!

Lenke du und wende!

Herr, dir in die Hände

Sei Anfang und Ende,

Sei alles gelegt!

 

Und niemand hat diese Stimmung am Neujahrsmorgen besser in Musik gesetzt als Hugo Wolf.

 

 

 

Vielleicht erscheint dem so erwachten und empfindsamen Gemüt am Neujahrsmorgen der alte römische Gott Janus. Denn nicht nur eine lichtvoll erhoffte Zukunft zaubert am Neujahrsmorgen eine frische Morgenröte in das erwachende Gemüt. Auch das vergangene Jahr ist noch gegenwärtig mit seiner Last und seiner Freude. Völlig zu Recht also hat der Monat Januar seinen Namen von dieser Gottheit. Janus nämlich zeichnet sich dadurch aus, dass er zwei Gesichter hat: eines ist rückwärtsgewandt, das andere in die Zukunft. Er ist ein Schwellengott, das heißt, wo und wann auch immer etwas Altes zu Ende geht und etwas Neues beginnt, tritt Janus in Aktion, vergegenwärtigt das Alte und wirft einen Blick auf das Neue. Damit ist Janus das perfekte Sinnbild für den Neujahrstag, an dem das alte Jahr gerade zu Ende ist und das neue beginnt. Mit Janus und mit Johann Sebastian Bach blicken wir zunächst zurück auf das vergangene Jahr. „Das alte Jahr vergangen ist“ lautet der Orgelchoral aus dem Orgelbüchlein.

 

In diesem Orgelchoral ziert Bach die Melodie ziemlich exzessiv aus; man fragt sich, warum er das tut. Die Antwort ist so einfach wie einleuchtend: Wenn man alle Verzierungen so spielt, wie Bach sie gedacht hat, bekommt man 365 Anschläge; das heißt: 365 Mal wird je eine Taste gedrückt – so viel Mal, wie das Jahr Tage hat. Bach ordnet diese Töne, fast möchte man sagen: natürlich! in zwölf Takten, so viele, wie das Jahr Monate hat. Er stellt also in Tönen das ganze verflossene Jahr vor unser Ohr, und er charakterisiert es auch.

 

 

 

Der Text des Liedes macht deutlich, warum Bach einen so schwer lastenden Orgelsatz über diesen Choral schreibt; er lautet:

„Das alte Jahr vergangen ist; wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du uns in so großer G’fahr so gnädiglich behüt‘ dies Jahr“.

Also von Bewahrung in großer Gefahr ist hier die Rede, und damit wird verständlich, warum Bach den harten Gang nach unten erklingen lässt: es ist das Sinnbild dieser Gefahr. Im weiteren Verlauf des Liedtextes von Johann Steurlein (1546 – 1613) wird auch geklärt, worin diese Gefahr besteht: falsche Lehre, Abgötterei, sündhaftes Verhalten. Doch das Lied bleibt dabei nicht stehen, sondern es stellt dar, wie die die Verfehlungen ausgebessert werden können, nämlich durch das Gebet. Betend wendet sich der Liederdichter zu Gott und bittet um Bewahrung und Gnade. In der Komposition Bachs ist dieses Gebet zu einer tönenden flehentlichen Gebärde geworden, in der sich alle wiederfinden können, die das vergangene Jahr als leidvoll erlebt haben und sich mit Trauer oder mit einem tiefen Seufzer daran erinnern. Doch das Stück von Bach endet mit einem Dur-Akkord – ganz ohne Trost bleibt es nicht, das vergangene Jahr, ein kleiner Lichtpunkt am Ende des Choralvorspiels schafft Hoffnung und Aussicht auf ein besseres neues Jahr.

 

Zunächst will es scheinen, als sei in diesem Gebet des späten Barocks die Problematik des heutigen Menschseins nicht mehr enthalten. Falsche Lehre, Abgötterei, Sünde – diese Begriffe sind uns Heutigen eher fremd, und es bedarf langer Erläuterungen, um überhaupt einen Bezug zu unserer Wirklichkeit herzustellen. Doch die Grundstimmung, dass da jemand mit dem Vergangenen rechtet und unzufrieden ist damit ist, wie er im letzten Jahr gelebt hat, die gibt es auch noch heute.

 

Ein ganz anders geartetes Gedicht von Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), demselben Dichter, der die deutsche Nationalhymne gedichtet hat, setzt wieder ein bei dem Kirchenlied „Das alte Jahr vergangen ist“. Doch anders als in dem Kirchenlied, anders auch als in der Komposition Bachs zu diesem Thema, strotzt es in dem Lied des Fallerslebener Dichters geradezu vor Optimismus.

 

Das alte Jahr vergangen ist,
das neue Jahr beginnt.
Wir danken Gott zu dieser Frist.
Wohl uns, dass wir noch sind!

Wir sehn aufs alte Jahr zurück
und haben neuen Mut:
Ein neues Jahr, ein neues Glück.
Die Zeit ist immer gut.

Ein neues Jahr, ein neues Glück.
Wir ziehen froh hinein.
Und: Vorwärts, vorwärts, nie zurück!
soll unsre Losung sein.

 

Hier wendet sich von Fallersleben mit Janus vor allem der Zukunft zu und schaut das Vergangene nur noch aus dem Augenwinkel als dunklen Hintergrund für das helle neue an. Vorwärts, vorwärts, lautet die Devise, koste es, was es wolle. Gnadenloser Optimismus ist angesagt. So spiegelt Hoffmann von Fallersleben die Aufbruchstimmung im 19. Jahrhundert.

 

Auch Johann Sebastian Bach kann in seiner Kantate Nr. 41 zuversichtlich in Zukunft schauen; er tut das aber nicht, ohne den Janus-Blick weit in die Vergangenheit zu öffnen. Bei ihm ist deshalb der Optimismus nicht sozusagen grölend wie bei Hoffmann von Fallersleben, sondern die Zuversicht ist gegründet ins einem Gottvertrauen, das seine Wurzeln in den Erfahrungen des Vergangenen hat. Die erlebte Bewahrung im vergangenen Jahr rechtfertigt das Vertrauen in das neue, das wiederum Gott anvertraut wird, ja, in dem der Sängerchor sich selbst Gott anvertraut:

 

Jesu, nun sei gepreiset

Zu diesem neuen Jahr

Für dein Güt, uns beweiset

In aller Not und G’fahr,

 

 

 

Hier wird das neue Jahr vor allem als Bitte an den Allmächtigen ausgesprochen, dass es ein behütetes Jahr werden möge. Denn der alte Janus mag sein Gesicht der Zukunft zuwenden; er ist dafür trotzdem blind. Niemand weiß, was das neue Jahr bringen wird, und alles rosige Morgenleuchten am Neujahrstag kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch das neue Jahr Beschwerliches, Trauriges und Tragisches mit sich bringen könnte und wohl auch wird.

 

 

Janusköpfig ist auch das Gedicht „Von guten Mächten“ von Dietrich Bonhoeffer. Es wurde an der Jahreswende 1944/1945 im Militärgefängnis Berlin-Tegel geschrieben und wendet sich an seine Verlobte Maria von Wedemeyer samt ihrer Familie. Es ist geprägt von der Erfahrung, dass einige seiner Mitstreiter gegen das Nazi-Regime bereits hingerichtet worden waren, und durchzogen von der Ungewissheit über das eigene Schicksal, unter der Bonhoeffer im Gefängnis zu leiden hatte. Das große Geschenk, das sein Lied für die christliche Gemeinde und für die Welt darstellt, besteht darin, dass es in der Düsternis des Vergangenen und des Kommenden Geborgenheit und Vertrauen zu Gott zum Leuchten bringt. Manfred Schlenker hat das Lied in beeindruckender Weise für Vokal-Ensemble vertont, hier in einer beispielhaften Wiedergabe durch das Ensemble Calmus.

 

Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben

und mit euch gehen in ein neues Jahr.

 

Noch will das alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last,

ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen

das Heil, für das du uns geschaffen hast.

 

 

 

Nach dieser Bestandsaufnahme des Vergangenen wendet sich der Blick in die Zukunft; dieser Blick ist düster und vertrauensvoll zugleich:

 

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern

Des Leids, gefüllt bis an den Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

aus deiner guten und geliebten Hand.

 

 

 

Am Ende, nach einigen anderen Stationen von Sorge und Vertrauen, kommt Bonhoeffer zu den Versen, die viele Menschen an der Schwelle zu einem neuen Jahr oder zu einem neuen Lebensabschnitt als Trost erlebt haben:

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen

Erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

 

 

Fatalistisch scheint Pete Seeger in seinem Chanson „Turn, turn, turn“ in die Zukunft zu schauen, auf Deutsch „Für alles kommt die Zeit“: Für alles Tun auf dieser Welt kommt die Zeit, wenn es dem Himmel so gefällt.

 

Auf dieser Welt

Glaub, glaub, glaub

Kommt die Zeit, wenn es dem Himmel so gefällt

 

Die Zeit der Saat, der Erntezeit

Die Zeit des Danks, dass es soweit

Die Zeit zum Schweigen, die Zeit zum Reden

Die Zeit zum Singen, Zeit zum Beten.

 

Was viele Hörer nicht ahnen: Pete Seeger bedient sich hier einer biblischen Vorlage. Denn schon der Prediger Salomo stellt fest: Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde (Prediger 3,1), und dann folgen teils widersprüchliche Dinge, für die eben auch im neuen Jahr die Zeit kommen mag.

 

Dadurch wird der religiöse Hintergrund des Songs von Pete Seeger sichtbar. Seine Zuversicht scheint ihre Wurzeln in einem, vielleicht nur rudimentären, Glauben an die Kraft des Himmels zu haben. Immerhin kommt auch in dem Song eine Zeit zum Beten vor. Allerdings, wenn Marlene Dietrich gleich singt: „Glaub, glaub, glaub“, dann heißt das im Original nur: „turn, turn, turn“, also: dreh es oder dreh dich. Das Chanson von Pete Seeger in der Interpretation durch Marlene Dietrich:

 

 

 

Doch was man auch erleben möchte, die Jahre kommen und gehen ohne unser Dazutun. „So vergeht Jahr um Jahr, und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war“ singt Hannes Wader. Das erinnert mich an die Legende von Krösus, dem reichen Athener. Er fragte einen Weisen, ob er nicht der glücklichste Mensch der Welt sei. Dazu, meinte der Weise, fehle ihm noch ein Nagel. Was für ein Nagel fehlt noch dem, der alles hat? Der Nagel, mit dem man das Rad der Jahre feststellen kann, dass es sich nicht mehr dreht. Wer diesen Nagel nicht hat, kann nur mit Andreas Gryphius seufzen und hoffen – dann aber auch tapfer ergreifen, was das neue Jahr in wohl reichhaltiger Weise bereithält: den Augenblick, vor allem den rechten Augenblick, der mit Lebendigkeit, Weisheit und Glauben gefüllt ist:

 

„Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen,

mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen.

Der Augenblick ist mein, und hab ich den in Acht,

so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“

 

So ist es ein kluges Beginnen, an der Schwelle zum neuen Jahr innezuhalten, den Augenblick auszukosten, den Tag zu pflücken, wie Horaz zu sagen pflegte, und darauf zu hoffen, dass im Gedächtnis Gottes keiner der gelebten Augenblicke verloren ist, sondern dass jeder gelebte Augenblick in Ewigkeit aufbewahrt und mit dem Glanz der göttlichen Liebe veredelt wird. Dann mag der alte Schwellengott Janus unzufrieden in die Vergangenheit schauen und angstvoll die Zukunft zu durchblicken trachten – ganz gleich: das Leben wird dahinrauschen wie ein Feuerwerk; es fähret schnell dahin, wie ein Psalm in der Bibel es ausdrückt, gewiss; aber es lohnt sich, jedem Aufblitzen der herrlichen Funken nachzuschauen und jedem Klang nachzuhören, wie man es jetzt tun kann mit der Komposition „Feux d'artifice“, Feuerwerk von Claude Debussy.

 

 

 

 

 

Musik dieser Sendung:

1. Mörike-Lieder von Hugo Wolf

2. Johann Sebastian Bach, Das alte Jahr vergangen ist

3. Joh. Seb. Bach, BWV 41

4. und 5.: Carmina fati, Calmus-Ensemble

6. Carmina fati, Calmus-Ensemble

7. Carmina fati, Calmus-Ensemble

8. Pete Seeger, Für alles kommt die Zeit

9. Debussy, Feux d'artifice aus Prélude (Walter Gieseking, Klavier)