Ein ruheloser Geist

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Über die Sendung

Auch wenn heute alles möglich zu sein scheint, stellen sich viele Menschen am Ende doch die Frage nach dem Sinn ihres Lebens. Diedrich Lüken erzählt davon, wie eine Dichterin damit umgegangen ist.

 

 

Mit leeren Händen

Für viele Menschen hört die Zukunft auf, wenn sie in den Ruhestand gehen. Immer wieder aber gibt es Menschen, deren Zukunft dann erst beginnt. Zu ihnen gehörte auch Greta Schoon. Sie war schon weit jenseits der 60, als sie Gedichte schrieb, die etwas Neues in die Welt der Lyrik brachten, vor allem dadurch, dass sie auf ostfriesischem Plattdeutsch geschrieben wurden, einer Sprache, der man moderne lyrische Formen nicht unbedingt zutraute. Ich wurde auf die Dichterin durch ein ostfriesisches Jahrbuch aufmerksam; das Gedicht, das dort veröffentlicht wurde, berührte mich so stark, dass ich mich intensiver mit Greta Schoon beschäftigte, zumal ich selbst aus Ostfriesland stamme und des Plattdeutschen mächtig bin. Das Gedicht, um das es geht, zitiere ich in einer von mir erstellten hochdeutschen Übersetzung:

Aber die Nacht

Weglaufen.
Andere Straßen gehen.
Andere Freundschaften suchen.
Andere Blumen pflanzen.
Ein andres Haus bauen.
Vertreiben,
was nicht existieren soll.
Vergessen,
was da war.
Weglaufen.

Aber wo
willst du dich bergen
vor der Nacht
vor dem Spinnennetz
vor dem Dunkel
dem Schweigen
vor dem Eismantel?
Wo
willst du dich bergen?

In diesen Zeilen begegnet uns ein ruheloser Geist, der sich austobt, indem er alles verneint, was einmal wichtig war, und in allem einen neuen Anfang sucht. Aber dann wendet sich die Dichterin ihm zu, spricht ihn mit einem lyrischen Du direkt an: Wo willst du bleiben, wenn das alles nicht mehr zählt und die Dunkelheit der Nacht über dich hereinbricht? Es ist sicherlich nicht zu viel vermutet, wenn man den Eindruck gewinnt, dass die Dichterin hier mit sich selbst spricht. Du kannst alles aufgeben, du kannst alles auf null setzen, kannst von vorn beginnen und das Vergangene vergangen sein lassen. Aber du hast nichts, wo du Zuflucht findest, wenn die düstere Realität des Lebens und Sterbens über dich hereinbricht. Du hast zerstört, was dir einmal Heimat war, und nun: was hast du, was dich schützen kann, wenn das ewige Schweigen, wenn der Eismantel des Todes dich bedrohen? Die Dichterin belässt es bei den bohrenden Fragen. Die Antwort muss der Leser selbst finden, wenn er es nicht bei den Fragezeichen bewenden lassen will.

Alte Wahrheiten

Ich lese das Gedicht so, dass ich die Situation des Menschen in der sogenannten Postmodernen darin wiedererkenne. So nennt man unsere Zeit, in der alles möglich ist, in der aber auch alles fraglich ist. Die Tugenden von einst sind nicht mehr relevant; neue Verhaltensregeln bestimmen viele Menschen: So viel Spaß wie möglich, so viel Geld wie möglich, so viel Sex wie möglich. Alte zwischenmenschliche Beziehungen zerbrechen, neue bahnen sich an; und ob die besser, haltbarer sind als die alten, muss sich erst noch herausstellen. Die schlichte, objektiv feststellbare Wahrheit wird ausgehöhlt, Geltung bekommt, was gerade nützlich ist – postfaktisch heißt das Stichwort. Die alten Lebensentwürfe erscheinen rissig und altertümlich; stromlinienförmig und gut geölt hat das das Leben zu sein, wenn man vorankommen will.

Es bleiben aber die alten Fragen: Wer bin ich? Warum bin ich? Und vor allem: Wohin gehe ich, wenn ich diese spaßige postfaktische Gesellschaft für immer verlassen muss? Wo finde ich Zuflucht, wenn ich bangend vor dem Nichts stehe? Schlimm ist es, wenn man diese Fragen gar nicht mehr stellt. Dann steht man eines Tages mit leeren Händen da. Eine Antwort gibt die gute, alte christliche Bibel: „Zuflucht ist bei dem alten Gott“ (5. Mose 33,27). Diese Antwort kann aber und mag nicht jeder hören. Doch sich einzugestehen: Meine Hände sind leer, wenn sie am Ende des Lebens gefüllt sein sollten, ist eine gute Station auf dem Weg zur Zuflucht. Kein Geringerer als Martin Luther bekannte dies kurz vor seinem Tod. Er schrieb: „Wir sind Bettler. Das ist wahr.“

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