So tun, als ob

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Damals, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, in einem anderen Leben im vergangenen Jahrtausend, verkleidete Großmutter sich wahnsinnig gerne: Als Prinzessin, als Ritter, als vornehme Dame in hohen Schuhen. Es war ein Spiel mit den Rollen, ein „So tun, als ob“. Alles konnte sie sein. Vor allen Dingen erwachsen und das hieß: sich entscheiden, bestimmen. Im Spiel war sie kein Kind, sie war frei. Für Sekunden, für Stunden. Die Uhren begannen erst wieder zu ticken, wenn sie zum Essen gerufen wurde.

 

Damals, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, in einem anderen Leben, freute es den bösen Wolf, wenn er sich aus dem Anzug- und Krawattenmann, als der er zur Arbeit fuhr, wieder in den heimischen Jeans- und Pullover-Typen verwandeln konnte. In seinem Job war das Rollenspiel wichtig: die subtilen Signale der Kleidung. Das Versprechen von Seriosität und Erfolg. Es gab ungeschriebene Gesetze für Armbanduhren und natürlich Autos. Wer nicht mitspielt, raunte man, wäre bald draußen. Jeder Tag ein Faschingsfest – nur dass niemand Konfetti wirft und keiner lacht. Wie albern es sein kann, arbeiten zu gehen, dachte der böse Wolf.

 

Damals, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, lernte Rotkäppchen den Wald neu kennen. Sie hätte sich nicht träumen lassen unter ihrem Designerhut, dass es so winzige Teller und Tassen und Betten geben könnte, und dass man trotzdem satt wurde und genug Schlaf bekam. Sie hätte sich nicht vorstellen können, dass sie ausgerechnet hier unter diesen befremdlichen Typen in ihren seltsamen Anzügen so gute Kunsthandwerker entdecken würde. Die machten sogar Särge aus Glas. So dachte Rotkäppchen, schälte Kartoffeln und wunderte sich, dass sie ihr Smartphone gar nicht vermisste.

 

Damals, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen, war dann kein Zimmer mehr frei, und so ging Schneewittchen zur Umschulung in die weite Welt hinaus. Stock und Hut standen ihr gut, und frohen Muts war sie ohnehin. Natürlich auch ein wenig ängstlich, weil sie so aus der Rolle fiel in ihrem Prinzessinnenkleid mit Rucksack und so weiter. Losgelöst aus dem vertrauten „Es war einmal“. Aber was sollte schon passieren? Sie hatte doch alles: Herz, Hirn, gute Schuhe, Googlemaps und sogar ein wenig Geld. „Wird schon“, sagte auch die Frau vom Jobcenter. Und Rotkäppchen, Großmutter und der böse Wolf winkten. „Fürchte dich nicht“, flüsterte Gott, und dann rief jemand zum Essen.

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