Gott ist nicht Big Data

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Ein religiöser Missbrauch früherer Tage behauptete: Gott sieht alles. Mit Panik im Herzen schliefen manche Kinder abends ein. 1949 veröffentlichte George Orwell seinen Roman ‚1984‘, in dem er einen totalitären Überwachungsstaat beschreibt. Die Angst vor dem ‚Großen Bruder‘, der alles sieht und überwacht, ging um. Seit einigen Jahren gibt es live im Fernsehen ein Sendeformat, das sich ‚Big Brother‘ nennt und jeden Zuschauer zum ‚Großen Bruder‘ macht. In den letzten Jahren, verstärkt durch Angst vor Terror und Gewalt, sind immer mehr öffentliche Plätze und Gebäude mit Kameras ausgerüstet, die möglichst viele Daten erfassen. Mit Smartphone, Internet und den sozialen Medien ist aus Gott ‚Big Data‘ geworden: Big Data sieht alles.

 

Erschreckend, wie der gläsern gewordene Mensch inzwischen sogar freiwillig eine öffentliche und mediale Kontrolle über sich selbst zulässt, deren Reichweite und Tiefe dem Missbrauch Tür und Tor öffnet. Viele machen sich wenig Gedanken darüber, dass jeder überall seine digitalen Spuren hinterlässt. Im Hintergrund berechnen Google, Facebook und Co. ihre Wahrheiten über den Nutzer und entscheiden danach, wer was sehen soll und darf. Keine zwei Nutzer erhalten das gleiche Ergebnis, wenn sie in der Suchmaschine den gleichen Begriff eingeben.

 

Das Zauberwort heißt Algorithmus. Das moderne Leben ist abhängig von Algorithmen, ohne dass dies immer bewusst ist. Sie sind ja auch sehr praktisch: Im Navi zeigen sie den kürzesten Weg, kontrollieren den Satzbau in einem Schreibprogramm oder empfehlen einen passenden Partner beim Online-Dating. Das Szenario ist verlockend: Intelligente Maschinen durchforsten die riesigen Datenberge und legen dabei Muster offen, die Menschen mit bloßem Auge nicht erkennen können. Algorithmen steuern und beeinflussen längst, diskriminieren oder befördern Fakten und sind dabei selber intransparent. Die gesammelten Daten haben selbst keine Verantwortung, sind aber mächtige Werkzeuge und gängiges Geschäftsmodell.

 

In dem Hollywoodfilm ‚Yentl’ von 1983, mit Barbra Streisand als Regisseurin und Hauptdarstellerin, sagt sie einen Satz zu ihrem Filmvater: Gott sieht und verzeiht. Bei unseren Nachbarn bin ich mir da nicht so sicher. Und die Nachbarn Google, Facebook und Co. verzeihen erst recht nicht. Das weiß, wer versucht hat, einen Eintrag in den sozialen Medien wieder zu löschen. Bei einer christlichen Beichte erhalte ich am Ende eine Absolution – das Internet vergibt und vergisst nie. Der Versuch online einen Kabel- oder Telefonvertrag zu kündigen ist uferlos und kafkaesk. Da ist die Verbindung zu Gott auf jeden Fall kürzer und schneller.

 

In der Bibel (1. Mose 16,13) heißt es: Du bist ein Gott, der mich sieht. Aber wie sieht Gott mich an? Welches Ansehen habe ich bei Gott? Von dem Philosophen, Theologen und Mathematiker Nikolaus von Kues stammt der Satz: Gott, dein Lieben ist Dein Sehen, und wie dein Blick mich aufmerksam betrachtet, dass er sich nie abwendet, so auch deine Liebe. Von einer engen Verbindung zwischen dem Sehen Gottes und seiner Liebe ist hier die Rede: Dein Lieben ist Dein Sehen, und dein Sehen ist nichts anderes als Lebendigmachen.

 

Gott ist kein ‚Big Brother‘, und er ist erst recht nicht ‚Big Data‘. Zu dem Gott der Bibel kann ich beten: ‚Mein Glück, Gott, ist, dass du mich siehst. Wenn ich mit deinen Augen mich selbst ansehen könnte, dann würde ich in mir alles betrachten können – und nichts davon würde mir länger Angst, sondern mich lebendig machen. Du siehst auch das, was ich selbst nicht anschauen mag oder wessen ich mich schäme. Du kennst mein Herz und meine tiefsten Regungen. Du siehst mich und ich habe keine Angst mehr davor. Vor den Blicken der Menschen werde ich mich immer hüten. Aber zu dir sage ich: Gott, ich bin bereit, dass du mich siehst, bis in meine Tiefen und Untiefen. Auch dann bin ich geborgen bei dir, denn immer noch wäre es der Blick deiner unendlichen Zuneigung und deines Erbarmens.‘

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