Buchstabenmagie

Morgenandacht

Alte Bücher. Sehr alte Bücher. Kostbar: Lederrücken, geprägtes Leinen, schweres Papier oder hauchdünn. Antiquariatsschätze. Fassen sich anders an als ein Bestseller-Taschenbuch. Oder ein E-Reader. Gehören eindeutig in eine andere Zeit, eine andere Welt, diese kostbaren Bücher. Eine Zeit, in der Bücherlesen ein Privileg und nicht jedermanns Sache ist. Wie heute eigentlich. Ob Bürger, Bauer, Bettelmann, ob Arbeitssuchend oder in Rente, ob Manager oder Mutter, Verkäuferin, KFZ-Mechaniker – wir haben alle so viel zu tun. Bücherlesen? Was für ein Luxus. Sind die Tage nicht voll, voll mit Arbeit, um satt zu werden und auch im Winter nicht zu frieren? Lesen? Keine Zeit, keine Kraft, keine Lust. Viele müssen heute ja auch den ganzen Tag lesen. Und sogar eine wie ich will oft nur noch raus aus den Buchstaben.

 

Wie gut, dass Gedanken, Geschichten vom Papier emanzipiert sind. Sie reisen auf Bildern und Tönen. Immer in Bewegung, animiert, in 3D. Blockbuster, Arthousefilm, Serie. Kino, Stream und Spiel. Bluray und Netzmagie. Wer nicht mehr lesen mag, kann auch durch einen Flatscreen tauchen und in einer Geschichte verschwinden. Sogar in der S-Bahn, an der Bushaltestelle – mit dem Smartphone auf und davon. Sie sind überall, die Bilder und Töne, die Abenteuer. Sie binden sich nicht mehr in Leder und Leinen oder klemmen zwischen Buchstaben. Sie flimmern vorbei, sie leuchten und locken von Bildschirmen. Und nach Feierabend hülle ich mich gern in die Dunkelheit meines Zimmers und lasse den Geist abtauchen in andere Welten. Das Außen verschwindet. Märchenhaft. Sie ist stark, die Bildermagie. Ich verzichte nur ungern auf sie.

 

Und trotzdem, wenn ich wählen müsste für die berühmte einsame Insel? Bilder oder Buchstaben? Natürlich: Buch. Und natürlich – ja, doch: die Bibel. Ich nehme also die Bibel mit auf die einsame Insel. Obwohl: Ich könnte mir auch vorstellen, ein wirklich dickes Buch mit deutschsprachigen Gedichten vom Mittelalter bis in unsere Zeit einzupacken. Jedenfalls: eine Sammlung von Texten, die ich nicht sofort verstehe, die mehrdeutig sind, die meinen Geist beschäftigen, wieder und wieder. Schräge, spannende, verwirrende, ermutigende Texte. Es gibt ja so viele Arten, die Welt zu erleben. Unterschiedliche Stile gefallen mir. Wer will schon wieder und wieder dasselbe lesen? Ich will inspiriert werden, mich freuen, ärgern, mich nicht langweilen. Keinesfalls langweilen. Also doch die Bibel: eine Jahrtausende alte Sammlung von Geschichten und Gedichten. Weises, Visionäres, Verrücktes, Historisches und Erdichtetes, Verzeichnisse und Gesetzessammlungen untergegangener Welten, Briefe sogar. Eine ganze Bibliothek von kostbaren Büchern in einem Band.

 

Ja, wenn man die Seiten durch die Finger gleiten lässt, ist erstmal nichts zu sehen. Keine Bilder. Nichts bewegt sich. Animation gleich null. Nur Buchstaben, Worte, Sätze auf Papier. In einem Deutsch, das nicht alltäglich ist, aus anderen Sprachen, anderen Zeiten geschöpft. Faszinierend. Ein paar tausend Jahre Menschheitsgeschichte umfassen diese Buchdeckel schon, wenn man die Bibel nur als historisch begreift. Als Theologin weiß ich auch etwas darüber, wie dieses Buch entstanden ist, wie es gelesen wurde, wie es Kultur geprägt hat und immer noch prägt, wie es Spiritualitäten und Glauben buchstabiert, und Gott – dieses Geheimnis der Welt.

 

Wenn ich in der Bibel lese, einzelne Verse genügen, öffnen sich mir unendliche Weiten, ein Kosmos, in den ich aufbrechen oder abtauchen kann, wie durch einen Flatscreen. – Deswegen glaube ich fest daran: Lesen lernen hilft langfristiger als Bilder gucken. Und für die buchstäblich einsame Insel wünsche ich mir dann doch zweierlei: die Bibel und den Flatscreen mit schnellem Internet. Vielleicht ist das verhandelbar.

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