Bürger des Evangeliums und dieser Welt

Wort zum Tage

Es gibt Weltmeisterschaften im Tauziehen, in verschiedenen Kategorien, zum Beispiel 450 oder 600 Kilogramm auf jeder Seite. Tauziehen hat mir als Konfirmandin schon Spaß gemacht. Wenn man verliert, dann zusammen; wenn man als Einzelner schwächelt, fällt das nicht so auf; wenn man gewinnt, gewinnt man gemeinsam.

 

Kräfte zusammenlegen und ein Team werden – darum geht es auch dem Apostel Paulus. Was die guten Nachrichten von Gott angeht, so schreibt Paulus, da müsse man mit einer Seele an einem Strang ziehen. Paulus kennt sich aus mit Wettkämpfen, aber er setzt auf das Zusammenhalten für, nicht gegen andere Menschen. Damals in der Stadt Philippi lebten die Christen nicht abgeschottet, sondern als eine Gruppe unter vielen. Sie trieben miteinander Handel, und lernten, mit verschiedenen Kulturen zu leben. Darum schrieb Paulus : „Lebt als Bürger dieser Stadt“. Als Bürger leben – das griechische „politeuomai“ bedeutet sichtbar leben, im öffentlichen Raum.

 

Wie macht man das? Gehört es sich dann für einen Bürger und Christen, ein kleines Kreuz am Anzug zu tragen? Muss man als Bürger und Christ eine feste Meinung zum verkaufsoffenen Sonntag haben und bewusst aufs Einkaufen verzichten? Oder kommt es darauf gar nicht an?

Ich versuche als Bürgerin so zu leben, dass man an mir das Evangelium ablesen könnte. Klar ist das schwierig: Streiten oder nachgeben, tolerieren oder widersprechen, verzichten oder Ansprüche durchsetzen, ständig muss das neu entschieden werden.

 

Manche sagen, es sei doch alles geregelt und festgelegt. Die Bibel sage doch Buchstabe für Buchstabe, was richtig und falsch sei. Nein, so klar sagt sie das nicht. Andere meinen: Jeder lebt eben seine Sicht, soll nach seiner façon selig werden. Und am besten schaffen wir neutrale Räume, wo wir uns nicht in die Quere kommen. Klappt nur leider auch nicht. Wie soll man sich selbst neutral machen in den wichtigen Fragen des Lebens? Und Christen sagen ja auch, gerade in den wichtigen Fragen wollen sie sich auf das Evangelium verlassen, sich an Jesus orientieren und gemeinsam an einem Strang ziehen. Wenn sie das tun, wachsen sie auch zusammen über sich hinaus, merken, dass sie stärker sind als gedacht, teilen ihre Träume.

 

Die Meisten wissen ja: Träume können zu Gebeten werden. Solche Gebete werden übrigens zur Zeit in einer Berliner Stadtkirche gesprochen, gesungen oder auch mit stillem Herzen und einer Kerze in der Hand gesagt. Es sind Gebete für Menschen, die zu Unrecht inhaftiert wurden, die darauf warten, zu ihren Familien zurück zu kehren. In diesen Augenblicken des Gebets ziehen alle, die da sind, auf einer Seite am Tau des Lebens, Kräfte werden spürbar zusammengelegt. Wahrscheinlich würde Paulus dazu sagen: Hier leben Bürger nach dem Evangelium und für die Menschen der Stadt.

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