Geist der Freiheit

documenta Nachlese 4
Wort zum Tage

Man hat nicht alle Tage Gelegenheit, in einem Tempel des Geistes herumzuspazieren. Das war schon ein besonderes Erlebnis auf der documenta in diesem Sommer: Unter freiem Himmel zwischen Säulen zu wandeln, die über und über mit Büchern behangen waren. Büchern, die alle einmal verboten waren in Deutschland oder anderswo auf der Welt. Im Parthenon der verbotenen Bücher, den die Argentinierin Marta Minujin errichten ließ, begegnete ich vielen berühmten und verehrten Namen: Goethe und Brecht, Thomas und Heinrich Mann, Robert Musil und Franz Kafka. Aber auch der Bibel. Und dem „Kleinen Prinzen“, „Alice im Wunderland“ und „Harry Potter“. Alle miteinander in Plastikfolie verpackt glitzerten sie wie ein riesiges Mosaik in der Abendsonne.

 

Sehr weit zurück schien da der Tag, an dem auf dem Kasseler Friedrichsplatz im Jahr 1933 Bücher verbrannt wurden. Für mich, die ich gerne lese, war der Gang durch den Tempel vor allem ein Erlebnis der Freiheit, die ich alle Jahre meines Lebens genießen durfte: eine Erinnerung an viele Leseerlebnisse, an das Glücksgefühl, das ich hatte, wenn ich in große Erzählungen eintauchen konnte, die mir die Welt öffneten. Ich habe gespürt, wie viel ich den Menschen verdanke, die sich bemüht haben um eine eigene, wahrhaftige Sprache, die Worte gefunden haben für das, was unter der Oberfläche liegt. Ich war froh: Dass alle diese ehedem oder noch weiter verbotenen Bücher hier versammelt waren, stand ja auch dafür, dass es am Ende der Geist der Freiheit ist, der sich durchsetzt. Keine Diktatur, keine Zensurbehörde kann ihn für immer aufhalten. Eigentlich weiß ich das ja, wenn ich mich an den Weg Jesu halte und die Bibel. Ich vertraue darauf, dass keine Unterdrückung in dieser Welt stärker sein kann als der Geist der Freiheit. Aber es ist dann auch schön, mal in so einem Tempel zu stehen, der das sichtbar macht.

 

Nur musste ich dann auch daran denken, was viele dieser Autorinnen und Autoren zu erleiden hatten, weil sie freier zu denken wagten, als es ihre Zeit und ihr Staat erlaubten:

Hohn und Häme, Einsamkeit und Exil. Nicht alle haben es überlebt. Natürlich bin ich empört über die finsteren Gesellen, die Ideologen und Fundamentalisten, die Bücher verbrannt und verboten haben.

 

Aber habe ich Grund, mich überlegen zu fühlen, nur, weil ich in einer Zeit und in einem Land lebe, das nun endlich die Freiheit der Meinung gewährt? Als ich in diesem Tempel stand unter all den Büchern, die mit Mut und Schmerz und Einsamkeit entstanden sind, habe ich mich schon gefragt: Wie ist es denn mit meinem eigenen Mut zur Freiheit ? Der wird doch mein Leben lang auch im Alltag auf die Probe gestellt: Lasse ich die Freiheit auch denen, die mir unbequem sind? Und wenn es für mich unbequem werden könnte, wage ich es dann, das freie Wort?

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