Königliches Zweifler-Gebet

Wie Friedrich der Große nach Gott fragte
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Dem preußischen König Friedrich dem Großen wird folgender Satz zugeschrieben. Eigentlich ist es ein Gebet: „Lieber Gott, falls es dich gibt: Rette meine Seele, wenn ich eine habe.“ Dieses königliche Zweifler-Gebet finde ich großartig.

 

Zunächst einmal wundert mich, dass es schon aus dem 18. Jahrhundert stammen soll. Heute denkt man ja, dass früher alle Leute fromm und gläubig waren. Das ist offenbar ein Irrtum. Zweifel an Gott und Zweifel an sich selbst gibt es schon länger, vielleicht sogar seit es Menschen gibt. Jedenfalls beschreibt dieses königliche Zweifler-Gebet ganz treffend die Gemütslage vieler, die heute leben: „Lieber Gott, falls es dich gibt: Rette meine Seele, wenn ich eine habe.“

 

Viele fragen heute: Gott – gibt es das überhaupt? Oder bin ich doch auf mich allein gestellt? Und: Seele – habe ich so etwas überhaupt? Oder ist es doch nur eine Psyche, für die ich selbst sorge, zur Not mithilfe eines Therapeuten.

 

Mit der Frage nach Gott und seiner Seele schlug sich auch der Preußenkönig Friedrich der Große herum. Und was macht er damit? Er wendet sich mit seinem Zweifel über Gott direkt an Gott: „Lieber Gott, falls es dich gibt: Rette meine Seele, wenn ich eine habe.“ Das wirkt zunächst einmal paradox. Wie kann ich mit jemandem sprechen, wenn ich nicht weiß, ob es ihn überhaupt gibt? Aber dieses königliche Zweifler-Gebet ist auch clever. Eine Doppelstrategie. Die sagt: Sollte es Gott nicht geben, dann geht dieser Satz ins Leere, er schadet also auch nicht. Doch sollte es Gott tatsächlich geben, dann sucht man den Kontakt zu ihm. Man weiß ja nie. Wäre doch fatal, wenn es da doch etwas gäbe und man hätte es vernachlässigt. Mit dem Zweifler-Gebet ist man für alle Fälle gerüstet.

 

Ich finde: Dieser Satz ist in gewisser Weise auch ehrlich. Denn niemand kann Gott schlüssig beweisen. Das Gegenteil aber auch nicht. Ganz sicher kann man sich folglich weder des Glaubens noch des Unglaubens sein. Zweifel gehören also zum Glauben wie der Schatten zum Licht.

 

In dem königlichen Zweifler-Gebet entdecke ich auch eine feine Portion Selbstironie. Im Glauben setzt man sich immer dem Unsagbaren, dem Geheimnisvollen des Lebens aus. Deshalb sollte man nicht so tun, als sei einem dabei alles klar, als man habe den Glauben quasi fest in der Tasche.

 

„Lieber Gott, falls es dich gibt: Rette meine Seele, wenn ich eine habe.“ Dieses Gebet drückt auch Bescheidenheit aus. Wer so betet, weiß um seine Grenzen. Weiß um seine Hilfsbedürftigkeit. Zumindest im Ernstfall. Was ist, wenn man aus eigener Kraft nicht mehr weiter weiß? Wenn man, wie der Volksmund sagt: Mit seinem Latein am Ende ist. Wenn nur noch beten hilft? Dann wünscht sich mancher, der eben noch ganz ohne Gott auskommen wollte, es gäbe doch einen.

 

Dann kann das Zweifler-Gebet des König Friedrich ein guter Anfang sein: „Lieber Gott, falls es dich gibt: Rette meine Seele, wenn ich eine habe.“ Es ist ein erster Annäherungsversuch, so zu tun als gäbe es Gott und als könne man beten. Erste Worte für die eigene Angst. In ihnen schwingt auch eine zaghafte Hoffnung mit: Vielleicht bin ich ja doch nicht verloren, sondern habe noch eine Chance.

 

Aber was passiert dann? Wenn man einmal entdeckt hat: Ja, es könnte Gott wirklich geben. Und ja: Gott ist ansprechbar, wenn es darauf ankommt. Dann ist Gott ein Teil von meinem Leben geworden. Nicht nur im Ernstfall. Sondern auch an allen anderen Tagen. Dann kann man mit Gott seine alltäglichen Sorgen teilen. Und seine Freude an den vielen schönen Dingen des Lebens. Je intensiver das Leben ist, desto mehr hat man mit Gott zu teilen. Der Zweifel gehört natürlich auch dazu. Mir scheint sogar: Der Glaube wird stärker, wenn er Raum für Zweifel lässt. So wie ein Mensch stärker wird, wenn er sich Zweifel an sich selbst eingestehen kann.

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